Die spannende Geschichte eines plattdeutschen Brunnenwortes
Wer im Emsland oder Münsterland unterwegs ist, hört bis heute den mundartlichen Ausdruck „Pütt“ oder „Pütte“, wenn von einem Brunnen die Rede ist. Doch woher kommt dieses Wort eigentlich – und was steckt sprachgeschichtlich dahinter? Sprecher des Plattdeutschen wissen: Mit „Pütt“ oder „Pütte“ meint man Brunnen oder Quelle. Im Hochdeutschen liegt die Übersetzung „Pfütze“ zwar nahe, trifft die plattdeutsche Bedeutung aber nicht ganz. Sprachwissenschaftlich sind die Wörter dennoch verwandt, denn im Germanischen lautete der Ursprung *puti. Durch die althochdeutsche Lautverschiebung wurde daraus hochdeutsch „Pfütze“ (p → pf, tt → tz). Im Mittelniederdeutschen, das zwischen 1200 und 1650 gesprochen wurde, konnte „Pütt(e)“ zusätzlich eine wassergefüllte Grube bezeichnen.

Die Pütte beim Heimathaus in Wesuwe.
Interessanterweise stammt das scheinbar urige Wort gar nicht ursprünglich aus dem Plattdeutschen, sondern ist eine Entlehnung aus dem Lateinischen puteus – „Grube, Schacht, Brunnen, Quelle“. Die Römer brachten den gemauerten Schachtbrunnen ins westliche Germanien, und mit ihm übernahmen die dort lebenden Menschen auch den Namen. Im Zuge der Christianisierung im 9. Jahrhundert wanderte das Lehnwort vom Niederrhein und über die Niederlande ins westfälisch-emsländische Sprachgebiet. Dort hatte es zunächst Konkurrenz: „Sod“ bezeichnete hier den künstlich angelegten Brunnen, „Born“ die natürliche Quelle. Deshalb war „Pütt“ anfangs streng auf den Schachtbrunnen beschränkt. Erst als Sod und Born im 18. Jahrhundert aus dem Sprachgebrauch verschwanden, konnte „Pütt(e)“ die allgemeine Bedeutung „Brunnen, Quelle“ übernehmen.

Wortverbeitungskarte aus: Joachim Hartig,Pütte ‚Schachtbrunnen‘. Ein Beitrag zur historischen Wortgeographie Westfalens, in: Niederdeutsches Wort 3 (1963), S. 42-46, hier S. 45.
Dass der Begriff ursprünglich vor allem künstliche Schächte meinte, zeigt ein Spezialgebrauch im Bergbau: Dort heißt der Schacht selbst bis heute „Pütt“. So nannte man auch den Ibbenbürener Steinkohlenbergbau schlicht „den Pütt“.
Im Emsland lässt sich die Ausbreitung des Wortes besonders gut verfolgen. Historische Quellen belegen, dass 1404 in Meppen noch ein Haus „dwers over den zoet“ beschrieben wurde – das heißt: gegenüber dem Sod. Auch 1480 ist in einem Kaufvertrag aus Haselünne von „sod“ die Rede, nicht von „Pütte“. Das deutet darauf hin, dass „Pütte“ erst im 15. Jahrhundert aus dem Südwesten nach Meppen vordrang. Bis ins 16. Jahrhundert war dort wohl weiterhin „Sod“ die gebräuchlichere Bezeichnung.
Heute klingt es ganz selbstverständlich, wenn jemand im Münsterland oder Emsland sagt: „Hol mal Water ut de Pütte.“ Dabei hat dieser Ausdruck eine erstaunlich lange Reise hinter sich – vom Lateinischen über die Römer bis in die plattdeutsche Alltagssprache.