Zwischen Emsland und Ostsee

Migration und kaufmännische Netzwerke aus Lingen in der Frühzeit Stralsunds

Die Herkunftsorte Stralsunder Bürger aus dem Weser-Ems-Raum im 13. und 14. Jahrhundert.

Lingen liegt im südlichen Emsland, einer Region, die früher dünn besiedelt war und vor allem von Landwirtschaft und weiten Moorlandschaften geprägt wurde. Auf den ersten Blick wirkt das Emsland wie ein abgelegenes Randgebiet. Tatsächlich aber verliefen durch diese Gegend wichtige Handelswege, die verschiedene Wirtschaftszentren Europas miteinander verbanden.

Zwei dieser wichtigen Straßen waren besonders bedeutend:

  • Die Flämische Straße: Sie führte von Brügge (in Flandern, einem Zentrum der Tuchproduktion) über die heutigen Niederlande weiter nach Hamburg und Lübeck.
  • Die Friesische Straße: Sie verband Münster über das Emsland mit dem Hafen Emden an der Nordsee.

Solche Straßen waren nicht nur Transportwege für Waren. Über sie verbreiteten sich auch Wissen, Handelskontakte, Kreditbeziehungen und soziale Normen. Menschen aus dem Emsland lernten dadurch den Fernhandel kennen und konnten sich in überregionalen Wirtschaftsnetzen bewegen.

Seit der Mitte des 12. Jahrhunderts gewann die Hanse an Bedeutung. Sie war ein lockerer Zusammenschluss norddeutscher Kaufleute und später von Städten, die über die Nord- und Ostsee Handel trieben. Sie bot Schutz, gemeinsame Regeln und Vorteile im Handel. Dadurch entstanden für viele Menschen neue berufliche Chancen, die sie in ihrer ländlichen Heimat kaum fanden.

Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass im 13. und 14. Jahrhundert viele Menschen aus dem Emsland in aufstrebende Hansestädte der Ostsee zogen. Eine dieser Städte war Stralsund, das sich nach seiner Gründung 1234 rasch zu einem bedeutenden Handelsplatz entwickelte.

Unter den Auswanderern stach früh die Familie de Linghe hervor, deren Name auf ihre Herkunft aus Lingen verweist. Um 1280/81 ist ein Johannes de Linghe belegt. Er gründete mit einem Handelskollegen aus Dörpen eine Gesellschaft, die mit großen Mengen Teer und Pottasche handelte – zwei wichtige Exportgüter des Ostseeraums, die vor allem für Schiffsbau und Textilverarbeitung gebraucht wurden.

Bevor Johannes zu einer Reise in die entfernte Handelsstadt Riga aufbrach, regelte er vorsorglich sein Erbe. Das zeigt, wie unsicher und risikoreich Fernreisen damals waren – und wie schriftliche Vereinbarungen in Handelsbeziehungen immer wichtiger wurden.

In den folgenden Jahrzehnten tauchen weitere Personen mit dem Namen de Linghe in Stralsund als Kaufleute, Kreditgeber oder Ratsmitglieder auf. Ob sie alle miteinander verwandt waren, lässt sich aber nicht eindeutig belegen. Häufiger als direkte Familienbande spielten Herkunftskontakte eine Rolle: Man bürgte und handelte bevorzugt mit Menschen aus der eigenen Heimatregion, weil man ihnen vertraute.

Noch einflussreicher als die de Linghe wurden andere Familien aus dem westlichen Niedersachsen, etwa die de Dörpen oder de Meppen. Sie stellten mehrfach Bürgermeister, besaßen repräsentative Steinhäuser und engagierten sich im internationalen Handel – bis nach England und Skandinavien.

Dennoch steht die Familie de Linghe beispielhaft für ein größeres Muster:
Menschen aus vorwiegend bäuerlich geprägten Regionen konnten durch Handel gesellschaftlich aufsteigen, wenn sie Zugang zu Verkehrswegen hatten und sich über Vertrauensnetzwerke in Städten integrierten.

So wird deutlich: Die Entwicklung von Städten wie Stralsund und der hansische Ostseehandel waren kein rein norddeutsches Küstenphänomen. Er reichte tief in Regionen wie das Emsland hinein – Landstriche, die lange als abgelegen galten, sich jedoch als Ausgangspunkte sehr mobiler und wirtschaftlich aktiver Menschen erwiesen.

Literatur:

Karin von der Beeke, Von Straßen und Menschen. Wanderungsbewegungen aus dem Weser-Ems-Raum nach Stralsund bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 74 (2002), S. 125-146.