Niederdeutsch lâte

Zur Geschichte des Wortes

„Wu late is’t?“ oder „Wu late is dat?“, fragt man im Emsland, wenn man sich nach der
Uhrzeit erkundigt. Kommt jemand zu spät, „is he to late kuomen“. Doch woher stammt dieses merkwürdig anmutende niederdeutsche Wort late eigentlich? Und was hat es mit dem heutigen hochdeutschen lässig ‚ungezwungen, formlos‘ zu tun?

Klassizistische Standuhr im Emslandmuseum Lingen.

Englische Parallelen

Derjenige, der des Englischen mächtig ist, erkennt direkt die Parallele zum Plattdeutschen:
Auch hier bedeutet late ‚spät‘. Diese Bedeutungsvariante des Wortes muss daher schon sehr alt sein und vor der Zeit bestanden haben, als sich das Altniederdeutsche und das Altenglische ab dem 5. nachchristlichen Jahrhundert mit der Übersiedlung der Angeln und Sachsen nach Britannien trennten. Es sei denn, man möchte eine gleichförmig verlaufene
Weiterentwicklung in beiden Schwestersprachen annehmen. Die heute übriggebliebene
Bedeutung ‚spät‘ war allerdings nicht die ursprüngliche. Schließlich meinte noch im
Altniederdeutschen (überliefert zwischen etwa 800 und 1250) lat ‚träge, faul, untätig, kraftlos, matt‘, aber auch ‚spät‘.

Gotisch im 4. Jahrhundert

Schon das Gotische, eine im 4. Jahrhundert aufgezeichnete germanische Sprache, kennt lats ‚träge, faul‘, latei ‚Trägheit‘, latjan ‚aufhalten‘. Wambos latos sind damals ‚faule Bäuche‘ – eine Schmähbezeichnung. ‚Spät‘ ist demnach erst eine weiterentwickelte Bedeutung: Wer ‚faul‘ und ‚träge‘ ist, bewegt sich ‚langsam‘ und kommt daher auch zu ‚spät‘. Für die Wortfamilie ist ursprünglich germanisch *lat– anzusetzen. Im Althochdeutschen entspricht laz ‚träge, faul, spät‘ (mit althochdeutscher Lautverschiebung t > z). Dazu gehört althochdeutsch lazzen ‚abhalten, sich vertrödeln‘. Noch heute kennen wir den Begriff lässig, eine Bildung zu dem heute ungebräuchlichen lass ‚matt, müde, schlaff‘. Der Superlativ der, die, das letzte (eigentlich ‚langsamste‘) zählt gleichfalls zu dieser Wortfamilie – denn wer zu spät auftaucht, erscheint oft zuletzt.

Standesbezeichnung lati

Auch diese Bedeutungsvariante muss alt sein, weil sie der germanischen Standesbezeichnung lati zugrunde liegt, die uns für die Gruppenverbände der Altsachsen überliefert ist. Diese gliederten sich angeblich in Edle, Freie und Laten. Die Laten waren also der letzte, der unterste Stand, der bestimmte Gerichtsrechte besaß. Unter ihnen standen jedoch noch die servi ‚unfreie Knechte, Hörige‘, die nicht an der Gerichtsversammlung teilnehmen durften.
Vielleicht erinnern Sie sich an diese lange Wortgeschichte, wenn Sie das nächste Mal zu spät kommen und von einem Plattdeutschsprecher kritisiert werden: „Du büs to late!“