Lingener Geschichte im Bild (51)

In der heutigen Folge der Geschichtsserie von Emslandmuseum und EL-Kurier geht es um die „Franzosenzeit“. Damit bezeichnet man die Jahre der französischen Besatzung in Deutschland unter Napoleon, in denen das Emsland sogar zeitweise ein Teil der Kaiserreiches Frankreich wurde.
Nach der Schlacht bei Jena und Auerstädt 1806 bildeten die Franzosen aus mehreren Gebieten in Westfalen und im Emsland, darunter auch den Grafschaften Lingen und Tecklenburg, einen neuen Verwaltungsbezirk mit der Hauptstadt Münster. Im April 1807 zog die neue Verwaltungsspitze in Lingen ein und verkündete die neue Rechtsordnung nach französischem Muster. Doch dies war nur eine Übergangsverwaltung.

1808 kam die Grafschaft Lingen an das Großherzogtum Berg mit der Hauptstadt Düsseldorf. Dieses Land regierte Napoleons Schwager Joachim Murat, der aber wenige Monate später auf den Thron des Königreichs Neapel wechselte. Nun übernahm Napoleon selber das Großherzogtum und führte dort rasch das System der französischen Verwaltung ein.
Die Lingener Bauerschaften bildeten als unterste Verwaltungseinheit der Landgemeinden eine „Mairie“ (Bürgermeisterei), die das Gebiet der Stadt Lingen von allen Seiten umschloss. Die Stadt und der Magistrat erhielten besondere kommunale Befugnisse. Doch auch diese neue Ordnung hatte nicht lange Bestand.
1809 erklärte Napoleon die nördlichen Teile des Großherzogtums Berg und damit auch Lingen zu einem Teil des Kaiserreiches Frankreich, das nun bis an die Nordsee reichte. Es entstand das neue „Hanseatische Departement“ mit der Hauptstadt Hamburg. Im Juli 1811 wurde die Einteilung aber schon wieder geändert und Lingen kam an das Departement Oberems.
Die Ideen von Freiheit und Gleichheit aus der französischen Revolution von 1789 wurden auch in den besetzten Ländern umgesetzt. Am 12.12.1808 verkündete Napoleon die „Bauernbefreiung“, also das Ende der Leibeigenschaft. Im Emsland jubelten die Bauern – bis sie feststellten, dass sie auch als freie Bauern die Zahlungen und Abgaben an ihre Grundherren weiter leisten mussten und diese erst mit hohen Geldzahlungen ablösen konnten.
Die neue Verfassung, der „Code Napoleon“, legte die Glaubensfreiheit und Gewerbefreiheit fest. Die Zünfte, die bis dahin das wirtschaftliche Leben in den Städten dominierten, wurden aufgelöst. Jede Person durfte nun einen frei gewählten Beruf ausüben, musste dafür aber die neue Patentsteuer (Gewerbesteuer) zahlen.
Überhaupt waren die französischen Besatzer beim Eintreiben von Steuern erfinderisch, um ihre zahlreichen Kriege zu finanzieren. Auf die neu eingeführte Grundsteuer folgte bald die Gebäudesteuer, die man nach der Anzahl der Türen und Fenster eines Hauses berechnete.
Gefürchtet war auch die Wehrpflicht im französischen Heer, denn die jungen Männer ahnten, dass sie von den Feldzügen in ferne Länder nicht lebend zurückkehren würden. Viele Wehrpflichtige tauchten vor der Musterung unter oder desertierten von der Truppe. Beides war aber schwierig, weil die Franzosen bis1813 weite Teile Europas besetzt hielten.