Wer war Agaređ?

Zur Bedeutung und Entstehung des Raumnamens Agradingon zwischen Ems und Hase

Namen sind wichtige Geschichtsquellen. Sie enthalten nämlich sprachliche Nachrichten aus der Zeit ihrer Entstehung. Je älter ein Name ist, desto weiter führt er uns also zurück. Die sprachliche Information, die in einem Namen enthalten ist, zeigt uns aber, was für die Menschen, die ihn geprägt haben, zum Entstehungszeitpunkt wichtig war.

Die erste Erwähnung der Landschaft Agradingon in der Form „Agredingo“ in einer Urkunde aus dem Jahr 834, deren Text nur noch in einer Abschrift des 10. Jahrhunderts überliefert ist. Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen, Mscr. VII, Nr. 5201.

Während Meppen heute Kreisstadt des Landkreises Emsland ist und damit eindeutig zu der Region gehört, mit der wir den Namen Emsland verbinden, war das nicht immer so. Schauen wir in die frühmittelalterliche Zeit zurück, so wird die Umgebung des Ortes nicht als Emsland o.ä., sondern als Agradingon u.ä. bezeichnet:

In einer Urkunde vom 7. Dezember 834 übertrug Ludwig der Fromme die Klosterzelle Meppen an das Kloster Corvey, die in der Landschaft (pagus) „Agredingo“ errichtet worden war. (cellulam juris nostri Meppiam quę est constructa in pago Agredingo).

Um 900 erscheint in den Urbaren des Klosters Werden die Region „Agradingon“ mit dem zugehörigen Ort: „Firsni“ (Versen). Möglicherweise gehörten auch die nachfolgend genannten Orte „Gezei“ (Geeste), „Uuethonthorp“ (Wettrup) und „Elliberga“ (Elbergen, nordwestlich von Löningen/Hase) dazu.

Am 29. Dezember 945 verleiht Kaiser Otto I. dem Kloster Corvey Münze und Zoll an dem Ort Meppen zwischen den Gewässern Ems und Hase in der Gegend „Agratingun“ (in loco Meppia nominato, sito inter aquas Emisa et Hasa dictas in pago Agratingun) und am 30. Mai 946 zusätzlich die Marktgerichtsbarkeit über die beiden Orten Meppen (vielleicht schon Altenmeppen und Meppen?) zwischen den Flüssen Ems und Hase in der Region „Agrotingon“ (supra duas villas Meppiun nominatas, sitas iuxta fluvium Emisa et Hase in pago Agrotingon). Wieder ein Jahr später, am 14. Juli 947, schenkt Otto dem von seiner Mutter gegründeten Stift Enger, im Südosten der Diözese Osnabrück gelegen, Besitz in verschiedenen Orten, u.a. auch im Landstrich „Agartinga“. Als zugehörige Ortschaften werden „Vueres“ (Vrees), „Vuestereim“ (Westrum/Herzlake), „Holnidde“ (Holte/Lähden), „Anarupe“ (Andrup/Haselünne) und „Laasdorpe“ (Lastrup/Lähden) genannt.

Es lassen sich also folgende Schreibweisen feststellen:

834: Agredingo

Um 900: Agradingon

945: Agratingun

946: Agrotingon

947: Agartinga

Der Wechsel zwischen d und t lässt sich durch sprachliche Fähigkeiten der Schreiber erklären, die teilweise dem altniederdeutschen und teilweise dem althochdeutschen Sprachraum entstammen und die Region mehr oder weniger gut kannten. Die Endungen zeigen unterschiedliche Deklinations-Flexionen.

Der historische Raumname für die Gegend um Meppen gehört zu den frühen Namentypen, die noch aus der Zeit vor der fränkischen Eingliederung Nordwestdeutschlands in das Frankenreich Karls des Großen stammen, ja vielleicht sogar noch völkerwanderungszeitlich sind. Es handelt sich um einen Personenverbandsnamen auf –ingen. Er ist mit einem Personennamen im Erstglied gebildet worden und bezeichnete zunächst einen Personenverband, bevor er dann sekundären zu einem Raumnamen wurde. Im ersten Teil steckt der Rufname *Agarêđ, der mit dem Suffix germanisch *-ingoz gebildet wurde. Es handelt sich also sprachlich um die ‚Leute, die zu *Agarêđ gehören‘. *Agarêđ war das Oberhaupt, der Herr des Personenverbandes. Die auf diese Weise gebildeten Personengruppennamen, die in der englischsprachigen Forschung auch „tribe-names“ genannt werden, waren besonders produktiv bei der Besiedlung Britanniens durch Menschen aus Nordwestdeutschland im 5. und 6. Jahrhundert n. Chr. Daher darf man den auf diese Weise gebildeten Namen vermutlich auch auf dem Kontinent dieses Alter zugestehen.

Der Name der historischen Landschaft Agradingon um Meppen, der bis in die Mitte des 10. Jahrhunderts bekannt ist, dann aber verschwindet, führt uns in eine Zeit, bevor Karl der Große eine neue Verwaltungsstruktur mit Grafen und Grafschaftsbezirken einführte. Zuvor war Nordwestdeutschland von kleinen Personengruppen bewohnt, die einem Herrn folgten. Diese Identität ging dabei so weit, dass sie sich auch nach diesem ersten (?) „Häuptling“ benannten. Später festigte sich diese Bezeichnung und kennzeichnete auch das Gebiet, in dem diese Menschen lebten.