Auf das hohe Alter ihres Wohnortes sind viele Menschen stolz. Das zeigt sich immer wieder bei der Feier von Ortsjubiläen oder anhand von Neckereien zwischen Nachbarorten, wer denn früher in der historischen Überlieferung erwähnt wird. Die Ursprünge der alten Orte liegen allerdings zumeist im Dunkel der Geschichte – und Alter allein ist noch keine Leistung…
Konkreter nachvollziehen lassen sich hingegen jüngere Ortsgründungen. Sie zeigen nicht nur WANN, sondern auch WIE eine Siedlung entstand – und welche Leistungen Menschen erbringen mussten, um sie dauerhaft zu etablieren.

Ortsplan von Papenburg 1824. Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen, Karten A (Allgemein), Nr. 9055.
Papenburg – eine geplante Neugründung der frühen Neuzeit
Ein herausragendes Beispiel ist das emsländische Papenburg, eine der bedeutendsten planmäßigen Ortsgründungen des 17. Jahrhunderts im nordwestdeutschen Raum. Die heutige Stadt entstand im äußersten Norden des damaligen Niederstifts Münster als Moorkolonie – eine gezielt angelegte Siedlung, deren Zweck die Kultivierung des Hochmoores durch Torfabbau und anschließende landwirtschaftliche Nutzung war. Die Verbindung von Rohstoffgewinnung, infrastruktureller Erschließung und agrarischer Kolonisation macht Papenburg zu einem seltenen und besonders gut dokumentierten Beispiel frühneuzeitlicher Raum- und Wirtschaftsplanung.
Den entscheidenden Impuls setzte Dietrich von Velen (1591–1657). Als Drost (Verwalter) des Emslandes wurde er 1631 vom münsterischen Fürstbischof Ferdinand von Bayern mit der verfallenen Burg Papenburg und den umliegenden Moorflächen belehnt. Im Gegensatz zu älteren Orten der Region war Papenburg daher nicht organisch gewachsen, sondern sollte das Ergebnis einer strategischen und technischen Entwicklungsentscheidung werden. Von Velen ließ einen schiffbaren Kanal zur Ems anlegen, der durch Schleusen reguliert wurde. Diese Maßnahme ermöglichte den Torftransport – und bestimmte zugleich die lineare Siedlungsstruktur des neuen Ortes. Denn die Hofstellen der ersten Kolonisten wurden entlang des Hauptkanals angeordnet.
1657 erreichte Dietrich von Velen für Papenburg den Status einer „Herrlichkeit“ – ein eigenständiges Rechtsgebiet außerhalb des emsländischen Gerichtsverbandes. Damit entfielen landesherrliche Steuern, und der Ort erhielt die Möglichkeit zum Aufbau einer eigenen Verwaltung und lokalen Steuerhoheit. Diese rechtliche Autonomie war ein Vorteil im regionalen Vergleich und ein wesentlicher Faktor für die spätere Dynamik des Ortes.
Ab 1661 führte Dietrichs Sohn Hermann Matthias von Velen (1632–1681) das Siedlungsprojekt fort. Die Anwerbung neuer Familien wurde von für die Zeit außergewöhnlich günstigen Pachtbedingungen begleitet: Jedem wurden ca. vier Hektar Moor angeboten; die Zeitpacht sollte nach etwa 20 Jahren in eine Erbpacht umgewandelt werden; gewonnenes Neuland durfte vier Jahre ohne Pachtzins bleiben. Dieses Modell war attraktiv und verband soziale Sicherheit, wirtschaftliche Anreize und langfristige Bindung. Sein Erfolg ist gut belegt: Zwischen 1661 und 1699 stieg die Zahl der Kolonate von 15 auf 80, die Bevölkerungszahl erreichte bereits um 1699 die 500er-Marke.

Figurative Caart van de vreye Heerlykheid Papenburg 1797. Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen, Karten A (Allgemein), Nr. 8831.
Wirtschaftliche Entwicklung
In den ersten Jahrzehnten lebten die Siedler in einfachen Moorkaten. Erst nach 10 bis 15 Jahren – nach Entwässerung und Kultivierung der Flächen – entstanden feste Wohnhäuser. Die ersten Träger der Kultivierung waren Schafe, die auf den kargen Moorböden bestehen konnten und durch ihre Dungproduktion zur Bodenverbesserung beitrugen. Die Kultivierung des Moores war damit nicht nur ein technischer, sondern auch ein ökologischer Transformationsprozess. Im 18. Jahrhundert veränderte sich das Wirtschaftsprofil Papenburgs: Die zunächst ergänzende Binnenschifffahrt entwickelte sich zum Haupterwerb. Torfschiffe transportierten nicht nur den Rohstoff zur Ems, sondern brachten zunehmend auch Rückfrachten mit – erst lebensnotwendige Güter, später auch Waren des gehobenen Bedarfs. Die Vertiefung des Emszugangs um 1770 ermöglichte den Einsatz größerer Schiffe und bereitete den Weg für überregionalen Handel. Um 1785 war die Bevölkerung bereits auf rund 2.100 Einwohner angewachsen.
Die Geschichte Papenburgs zeigt: Nicht das bloße Alter begründet den Stellenwert einer Siedlung. Pionier- und Entwicklungsgeist ist das eigentliche Vermächtnis der Stadt – und ein Grund, der auch heute noch berechtigten Stolz stiftet.