Was ist ein Schulte / Schulze?

Unser Blog und unser Instagram-Account hat viele Leserinnen und Leser. Das freut uns natürlich sehr. Daher beantworten wir hier auch gern Fragen zur regionalen Geschichte:

Anlässlich eines früheren Beitrags auf unserem Blog fragt eine interessierte Leserin, was es denn eigentlich mit einem Schultenhof und den zugehörigen Schulten auf sich habe. An dieser Stelle geben wir gern eine Antwort:

KI-generiertes Schaubild.

Ein Schulte war im Mittelalter der leitende Wirtschafter auf einem Herrenhof. Ein solcher Herrenhof konnte als „Oberhof“ mehrere abhängige Bauernstätten, sogenannte Hufen (lateinisch mansi), unter sich haben (Villikation oder Hofverband), von denen der Schulte die Abgaben für seinen Herrn einzog. Diese Aufgabe wird auch in der Bezeichnung „Schulte“ selbst deutlich. Der Begriff entstand nämlich aus altniederdeutsch *skuldhêtio und entwickelte sich über *skuldhete und skult(h)ete schließlich zu Schulte. Es handelt sich um eine Bildung aus altniederdeutsch skuld ‚Schuld‘ und dem starken Verb hêtan ‚heißen‘. Der Schulte war also derjenige, der (von seinem Grundherrn) „geheißen“ wurde, die Abgaben („Schuld“) aus seinem Hof oder Hofverband zu ziehen und an seinen Herrn abzuliefern. Neben der wirtschaftlichen Funktion konnte ein „Schultenhof“ (lateinisch curtis oder curia) aber auch andere Verwaltungsaufgaben erfüllen, musste also nicht unbedingt einen ihm zugehörigen Hofverband aufweisen. Der Verwalter eines „Schultenhofes“ wurde lateinisch als villicus (von lateinisch villa ‚herrschaftliches Haus‘) bezeichnet. Es ist bis heute an der regionalen Verteilung von Hof- und Familiennamen (z.B. Meier zu N.N.; Schulte-N.N.) abzulesen, dass die Amtsbezeichnung Schulte vor allem im Münsterland gebraucht wurde, während der Titel villicus in Ostwestfalen und im Osnabrücker Land zumeist mit dem lateinischen Lehnwort Meier (von lateinisch maior ‚der Größere‘) in die Volkssprache übersetzt wurde. Das Tecklenburger Land stellt in dieser Hinsicht eine Region des Übergangs der beiden volkssprachlichen Übersetzungen für den villicus dar. Hier finden sich Schulten- und Meier-Bezeichnungen nebeneinander. Mit der Auflösung der Villikationen oder Hofverbände im späten Mittelalter wurde die Bezeichnung „Schulte“ Teil des Familiennamens desjenigen Bauern, der auf einem Schultenhof wirtschaftete.

Die Schultenhöfe waren also die größten Höfe in den Dörfern und Bauerschaften und die Schulten waren die „high society“ (Oberschicht) der ländlichen Gesellschaft. Das zeigt sich auch an der Variante des Namens, die heute für das Münsterland typisch ist: Schulze. Der dortige Mundartdichter Augustin Wibbelt (1862–1947) zeigt dieses Phänomen in seinem Roman „Schulte Witte“ von 1907 sehr deutlich. Auf dem Land benennt sich der Schulte Witte mit dem niederdeutschen Ausdruck „Schulte“. Fährt er allerdings in die Stadt Münster, so verhochdeutscht er seinen Namen und gibt sich als „Schulze Witte“ aus. Da das hochdeutsche als feiner und angesehener galt, verhochdeutschten viele münsterländische Schultenfamilien im 19. Jahrhundert ihren früheren Amtstitel und damaligen Familiennamenbestandteil zu „Schulze“, um auch ihr gesellschaftliches Ansehen im Namen deutlich zum Ausdruck zu bringen.