Das Bruchstück einer emsländischen Amtsrechnung aus dem Jahr 1318 gibt Rätsel auf
„Verschwundene Burgen im Kreis Steinfurt“ – mit diesem Thema befasst sich ein jüngst erschienenes Heft, das vom Kreisheimatbund Steinfurt herausgegeben wurde. Aus den dort behandelten Beispielen geht hervor, dass viele Befestigungen der Vergangenheit uns heute gar nicht mehr bekannt sind und es viel mehr Burgen gegeben haben dürfte, als wir bisher wissen.

Der Friedensvertrag aus dem Jahr 1323 mit der Verpflichtung, dass der Bischof von Münster Rheine (Rene) und Dor[n]reb[er]g (rote Markierung) „brechen“ solle. Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen, Mscr. II, Nr. 87, S. 13.
Auch im Emsland sind viele kleine Burgen sicherlich noch nicht gefunden worden. Ein solcher befestigter Ort wird nämlich in einem Friedensvertrag zwischen dem Bischof von Münster und dem Grafen von der Mark aus dem Jahr 1323 genannt. Damals musste der geistliche Herr sich in diesem Dokument ausdrücklich verpflichten, den „Donreberg“ zu schleifen. Wie ein auf das Jahr 1318 datiertes Bruchstück eines Registers des damaligen emsländischen Drosten zeigt, muss diese Befestigung namens Donnerberg im Emsland gelegen haben – und zwar in den emsländischen Teilen des Niederstiftes Münster bzw. an dessen Grenzen. Lediglich diese beiden Belege geben uns heute noch Kenntnis von der Existenz dieser Burg, die im territorialen Ringen des ausgehenden 13. und beginnenden 14. Jahrhunderts entstand und auch wieder verging. Ein ähnliches Schicksal teilte zu dieser Zeit übrigens die Schwanenburg bei Rheine der Edelherren von Steinfurt.

Fragment der emsländischen Amtsrechung von 1318 mit zweimaliger Nennung „Donreberghe“ (rote Markierungen). Universitätsbibliothek Erfurt, Dep. Erf., CA 4° 306.
Doch wo könnte der Donnerberg und damit die münsterische Burg gelegen haben? Den Flurnamen Donnerberg gibt es häufiger: In Lotte-Wersen existierten die Bauernhöfe Groß und Klein Donnerberg, deren Vorgänger bereits um 1240 im Osnabrücker Tafelgutverzeichnis und in Dokumenten von 1344 bzw. 1350 genannt wird. Doch kann dieses Anwesen nicht auf die Lage der gleichnamigen münsterische Burg weisen, weil es eben weitab von münsterischem Territorium gelegen war. Gleiches gilt für eine Höhenbezeichnung Donnerberg nördlich von Ibbenbüren.

Flur „Auf dem Donnerberg“ in Hopsten. GEOPortal TIM online.
Allerdings gibt es noch eine weitere Bauernstätte namens „Donnerberg“, die schon 1498 (Donreberch) bzw. 1547 (Donnerbergk) als in Hopsten gelegen erwähnt wird. Später (1669) wird sie in der Aa-Bauerschaft lokalisiert. An der Stelle, wo die Recker Straße auf die Ibbenbürener Straße trifft, existiert bis heute der Flurname „Auf dem Donnerberg“. Hier nun befinden wir uns im Grenzgebiet des münsterischen Stiftes und es könnte durchaus passen, dass der Name an dieser Stelle auf die ehemalige Befestigung hinweist. Denn in unmittelbarerer Nähe führte anscheinend auch eine alte Verkehrsverbindung von Recke nach Schapen, die durch die Burg kontrolliert worden sein könnte.
Man könnte nun einwenden, dass vor 1400 Hopsten zum Herrschaftsgebiet der Tecklenburger Grafen zählte und erst danach mit Bevergern an Münster kam. Aber trennscharfe Grenzen beginnen sich in dieser Zeit überhaupt erst auszubilden. Gerade das Bauen und Niederlegen von Burgen in jener Zeit zeigt ja, dass damals noch vieles im Fluss war.
Ein weiteres Indiz ist die Tatsache, dass wir im Bereich der Flur Auf dem Donnerberg gar keine nennenswerte Bodenerhebung vorfinden. Im Vergleich zum Niveau der Hopstener Aa steigt das Gelände bis zum höchsten Punkt nur um 3,6 Meter an. Somit könnte sich das Grundwort des Flurnamens -berg vielleicht weniger auf eine natürliche denn auf eine künstliche Bodenerhebung beziehen, wie sie beim Bau einer Turmhügelburg geschaffen wurde. Dass auch künstliche Hügel in Nordwestdeutschland als „Berge“ Eingang in Ortsnamen finden konnten, beweist auch der Ortsname Dreibergen bei Helle (Gemeinde Bad Zwischenahn), der auf eine dreihügelige Turmhügelburg (Motte, zu französisch la motte ‚Erdhaufen‘) zurückgeht. Der wenig erhöhte Hügel III entstand um das Jahr 1000, die fünf bis sieben Meter hohen Hügel II und I wurden etwa Mitte des 12. Jahrhunderts angelegt. Auf einstige Turmhügelburgen gehen zudem auch die Ortsnamen Oedingberge an der Grenze zwischen Glandorf (Landkreis Osnabrück) und Ostbevern (Kreis Warendorf) sowie Uppenberg (Stadt Münster) zurück.
Insgesamt könnte somit die Benennung Donnerberg auch als Burgenname angesprochen werden. Zwar bleibt die genaue Lage der Befestigung Donnerberg mangels archäologischer Funde weiterhin ungeklärt, doch sprechen die Lage und der bis heute erhaltene Flurname dafür, dass hier einst eine künstlich aufgeschüttete Turmhügelburg stand – ein fast vergessenes Zeugnis der münsterischen Territorialpolitik im frühen 14. Jahrhundert.
Literatur
Johannes Bauermann, Das Erfurter Bruchstück einer Amtsrechnung des Emslandes für das Jahr 1318, in: Ders., Von der Elbe bis zum Rhein. Aus der Landesgeschichte Ostsachsens und Westfalens. Gesammelte Studien, Münster 1968, S. 377-388.