Lingener Geschichte im Bild (58)

Der Eisenbahnbau in der Zeit des Königreichs Hannover ist heute das Thema der Geschichtsserie von Emslandmuseum und EL-Kurier. 1856 fuhr der erste Eisenbahnzug in den neuen Lingener Bahnhof ein. Doch bis dahin war die Eisenbahnplanung in den Zeiten der Kleinstaaterei ein schwieriges Kapitel der Verkehrsgeschichte.

Nachdem 1835 die erste deutsche Eisenbahnstrecke zwischen Nürnberg und Fürth den Betrieb aufgenommen hatte, gründete das Königreich Hannover eine staatliche Eisenbahngesellschaft und baute Eisenbahnstrecken zur Förderung der Wirtschaft. Ein wichtiges Thema war dabei die Erschließung der neuen hannoverischen Westgebiete im Raum Osnabrück, Emsland und Ostfriesland durch eine „Hannoversche Westbahn“. Sie sollte die wichtige Verbindung zwischen Hannover, dem Emsland und dem hannoverischen Seehafen Emden herstellen.
1846 schlossen die Königreiche Hannover und Preußen einen Staatsvertrag über zwei grenzüberschreitenden Bahnlinien: eine von Emden über Münster in das Ruhrgebiet und eine von Hannover über Osnabrück in die Niederlande. Hannover wollte die Strecke von Osnabrück aus auf eigenem Staatsgebiet über Fürstenau, Freren, Lingen und Nordhorn bis an die holländische Grenze führen. Lingen sollte den Knotenpunkt mit der Bahnstrecke Münster-Emden bilden.
Im Rahmen der weiteren Streckenplanungen wollte Preußen der hannoverischen Eisenbahn die notwendige Nutzung preußischer Gebiete bei Minden allerdings nur gestatten, wenn die Strecke von Osnabrück aus über die preußischen Städte Ibbenbüren und Rheine geführt würde. Weil Hannover sehr an einer Verbindung seines Seehafens Emden mit dem Binnenland gelegen war, willigte es schließlich in die von Preußen verlangte Streckenführung ein. 1852 kam es zur Unterzeichnung eines entsprechenden Vertrages. Nicht Lingen, sondern Rheine wurde der Knotenpunkt für die Westbahn.
Der Bau der Strecke hatte im Norden bereits 1851 begonnen. 1853 wurden die Pfeiler für die Emsbrücke in Hanekenfähr errichtet und in den Jahren 1854 und 1855 erfolgte der Gleisbau im Raum Lingen. Die Hannoverische Eisenbahn wollte das Stationsgebäude in Lingen erst dann errichten, wenn die Stadt eine direkte und gerade Straßenverbindung zwischen dem Markt und dem Bahnhof hergestellt hätte. So entstand in Lingens Stadtkern eine neue Straße, die zu Ehren der damaligen Königin Marie von Hannover den Namen Marienstraße erhielt. Nun wurde auch der Bahnhof zügig errichtet, der im linken Teil gleichzeitig das Postamt aufnahm.

Am 2. Mai 1856 traf der erste Zug aus Richtung Emden in Lingen ein. Am 23. Juni war auch die Strecke Osnabrück-Rheine-Lingen fertiggestellt. Im Eröffnungszug aus Hannover hatte man in Lingen eigentlich den König persönlich erwartet, der aber nur seine Minister geschickt hatte. Auf dem Bahnhof war ein großer Ehrenbogen aufgestellt und die ganze Stadt prangte im Fahnenschmuck. Alles spürten damals, dass mit dem Bahnanschluss ein neues Zeitalter begonnen hatte.