Lingener Geschichte im Bild (65)

Die Jüdische Gemeinde ist Thema der heutigen Folge der Geschichtsserie von El-Kurier und Emslandmuseum. Sie wurde in der Zeit des Natioalsozialismus durch Vertreibung und Ermordung vollständig ausgelöscht. Umso wichtiger, im Rahmen dieser Serie an ihre Geschichte zu erinnern.

Seit dem 17. Jahrhundert lebten einzelne jüdische Familien in Lingen. Mit der rechtlichen Gleichstellung und Niederlassungsfreiheit der Juden im 19. Jahrhundert nahm ihre Zahl in der aufstrebenden Provinzstadt Lingen rasch zu. 1843 wohnten in Lingen 15 Juden, 1864 war ihre Zahl auf 35 angestiegen und durch Zuzug aus dem Umland wuchs die Zahl bis 1873 auf fast 100 Personen jüdischen Glaubens.

Nachdem die Lingener Juden zunächst das Bethaus in Freren besucht hatten, gründeten sie 1869 eine eigene Synagogengemeinde. 1878 wurden unter großer Beteiligung der Stadtgesellschaft in einer Nebenstraße vor dem Lookentor die Synagoge und ein Schulhaus für den jüdischen Schulkinder eingeweiht. Die Zahl der jüdischen Kinder in Lingen war meistens nicht für einen vollständigen Schulbetrieb ausreichend. Daher besuchten die Schülerinnen und Schüler meisten die Evangelische Volksschule und hatten in der jüdischen Schule nur ihren Religionsunterricht.
Die meisten Lingener Juden betrieben kleine Einzelhandelsgeschäfte in der Innenstadt oder waren Viehhändler. Das ländliche Umfeld, der bedeutende Viehmarkt mit dem Eisenbahnanschluss und der städtische Schlachthof boten dafür gute Rahmenbedingungen.

Zur Zeit des Kaiserreiches waren die Juden in Lingen in die Bürgerschaft, in die Nachbarschaften und in die Vereine vollständig integriert. Jüdische Bürgersöhne waren selbstverständlich Mitglieder bei den Kivelingen, jüdische Jugendliche betätigten sich in den Sportvereinen.
Selbstverständlich fielen auch die jungen Männer jüdischen Glaubens unter die Wehrpflicht und dienten im preußischen Heer oder bei der kaiserlichen Marine. Im Ersten Weltkrieg kämpften sie Seite an Seite mit ihren christlichen Kameraden für ihr deutsches Vaterland. Vier jüdische Soldaten aus Lingen, Alfred Cohen, Max Markreich sowie Hermann und Eduard Hanauer, kamen im Ersten Weltkrieg ums Leben. Für sie wurde in der Synagoge eine Erinnerungstafel angebracht.

Das wenige Jahrzehnte später auch die Lingener Juden entrechtet, verfolgt und ermordet würden, ahnte damals noch niemand. 1938 wurde die Lingener Synagoge von den Nationalsozialisten in Brand gesteckt und abgerissen.