Lingen im Ersten Weltkrieg

Lingener Geschichte im Bild (66)

Kriegslazarett im Saal des Hotels Nave

Lingen in der Zeit des Ersten Weltkriegs steht im Mittelpunkt der heutigen Folge unserer Geschichtsserie von EL-Kurier und Emslandmuseum. Zwar fanden damals im Emsland keine Kampfhandlungen statt und Lingen war noch nicht einmal Garnisonsstadt, aber die Folgen des Krieges für die Lingener Soldaten an der Front und für die Zivilisten in der Heimat waren einschneidend.

Mobilmachung 1914 vor der Bäckerei Früke in der Lookenstraße

Auch in Lingen herrschte anfänglich eine große Kriegsbegeisterung und die zunächst rasch vorrückenden deutschen Truppen in Belgien, Frankreich und Polen ließen auf einen baldigen Sieg hoffen. Doch die modernen Kriegswaffen auf allen Seiten führten bald zu einem Eingraben der Front und schließlich zu einem jahrelangen, zermürbenden Stellungskrieg. Der „Abnutzungskrieg“ forderte gigantische Geldsummen, Unmengen Kriegsmaterial und unzählige Kriegsopfer. Auch in Lingen wurden die Listen mit den „Gefallenen“ Soldaten immer länger.

Deutschland war bald vom Nachschub und von Rohstoffen aus Übersee abgeschnitten. Besonders für die Zivilbevölkerung wurde die Versorgungslage im Laufe des Krieges immer verzweifelter. Viele Menschen in Deutschland hungerten und es fehlte an Allem. Suppenküchen und Schulspeisungen sollten die Not der Armen und der Kinder lindern, doch die Lebensmittelrationen reichten hinten und vorne nicht. Nur auf dem Schwarzmarkt war zu überhöhten Preises auch in Kriegszeiten alles erhältlich. Kriegsprofiteure schwelgten im Wohlstand, während die Bevölkerung hungerte.

Die Lingener Stadtwache vor dem Alten Rathaus

Im Lingener Eisenbahnwerk herrschte Hochbetrieb, denn für den Nachschub und die Versorgung der Truppen war die Eisenbahn das wichtigste Transportmittel. Sonderschichten und Wochenenddienste wurden angeordnet. Zur Steigerung der Reparaturleistung begann mitten im Krieg der Neubau der großen Lokrichthalle, in der die Lokomotiven im Fließbandverfahren repariert werden sollten. Das riesige Gebäude wurde allerdings erst nach dem Ende des Krieges fertiggestellt.

In sämtlichen Saalbetrieben der Stadt richtete man Lazarette zur Versorgung verwundeter und kranker Soldaten ein. Schreckliche Verletzungen und amputierte Gliedmaßen zeigten die fürchterliche Wirkung der modernen Kriegswaffen auch in der Heimat.

Kriegspropaganda auf dem Marktplatz im Winter 1916/1917

Je länger der Krieg anhielt, desto intensiver verbreitete die Propaganda Durchhalteparolen und warb für Kriegsanleihen. Die Bevölkerung lieh dem Staat ihr Geld, damit dieser die enormen Kriegskosten finanzieren konnte. Bei Ende des Krieges im Herbst 1918 erwiesen sich die Kriegsanleihen als wertlos und viele Menschen verloren ihr gesamtes Vermögen, denn das Deutsche Reich war nun zahlungsunfähig und total verschuldet. Der Kaiser ging ins Exil in die Niederlande und überließ sein bankrottes Erbe der neuen Republik. Viele wollten die Niederlage Deutschlands nicht wahrhaben, glaubten an Verschwörungstheorien oder gaben Juden, Kommunisten oder Sozialdemokraten die Schuld für das politische und militärische Versagen Deutschlands.