Woher kommen die Namen Nord- Mittel- und Südradde?
Wer im Emsland unterwegs ist, stößt früher oder später auf den Namen Radde. Gemeint ist damit allerdings nicht nur ein Fluss, sondern gleich drei Gewässer: Nordradde, Mittelradde und Südradde. Sie alle entspringen am Rand der hügeligen Geestlandschaft des Hümmlings oder in den angrenzenden Mooren und verlaufen in überwiegend südwestlicher Richtung, bis sie in Ems oder Hase münden.

Die Südradde als „Radde Fl.[uvius]“ auf einer Karte aus dem Jahr 1725. Quelle: Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen, Kartensammlung, A Nr. 02951.
Die Nordradde, im Oberlauf als Spahnharrenstätter Graben bekannt, nimmt ihren Anfang in Spahnharrenstätte und bahnt sich auf 32,5 Kilometern den Weg durch Orte wie Sögel, Groß Stavern und Klein Berßen, bevor sie bei Meppen in die Ems mündet. Die Mittelradde entspringt weiter östlich nahe dem Dosenmoor und folgt nahezu parallel der Nordradde, passiert Werlte, die historische Hüvener Mühle und zahlreiche kleine Dörfer, ehe sie bei Haselünne in die Hase fließt. Die Südradde schließlich entspringt im Oldenburger Münsterland nahe Lindern, durchquert Moor- und Wiesenlandschaften und mündet westlich von Herzlake ebenfalls in die Hase.
Doch woher kommt eigentlich der Gewässername Radde? In vielen Veröffentlichungen kann man dazu lesen, dass dem Namen ein Wort rad u.ä. in der Bedeutung ‚Sumpf‘ zugrunde liege. Allerdings besteht das Problem, dass sich dieses Wort nicht nachweisen lässt. Das macht schon Fritz Witts Argumentation in seiner Dissertation „Beiträge zur Kenntnis der Flußnamen Nordwestdeutschlands“ aus dem Jahr 1912 deutlich. Dort schreibt er: „Die Bedeutung Sumpf ist unzweifelhaft, denn es kommt stets für tief liegende, zumeist noch jetzt sumpfige feld-, wald- und wiesenstellen vor.“
Hier wird also der Realprobe der Vorzug vor der sprachlichen Analyse gegeben, was allerdings in der Namenkunde ein Kardinalsfehler ist. Witt beruft sich zudem auf ein vermeintliches Quellenzeugnis. Er behauptet, der Historiker Carl Heinrich Nieberding (1779–1851) bemerke in seiner „Geschichte des Niederstifts Münster“ von 1840, dass man im Niederstift unter Radde einen Bach verstehe, dessen Ufer sumpfig seien. So eindeutig äußert sich Niederbing jedoch durchaus nicht, sondern er stellt Radde zu Riede oder Riehe, die er als sumpfige Bäche interpretiert. Hier liegt also ebenfalls nur ein Versuch Nieberdings vor, den Gewässernamen Radde zu erklären. Die Zusammenstellung beruht wohl nur auf der lautlichen Ähnlichkeit von Radde und Riede. Ein Beleg für die Bedeutung des Namens Radde als sumpfiger Bach ist das aber nicht.
Witt verweist zudem auf Orts- und Flurnamen Radde in Hessen. Diese gehören aber nach Auskunft der historischen Belege im Mittel- und Südhessischen Flurnamenbuch eindeutig zu Rod ‚Rodung, durch Rodung urbar gemachtes Stück Land‘.
Somit ist ein sprachlicher Ansatz zu suchen, mit dem der Gewässername Radde erklärt werden kann. Vermutlich spielte in diese Sumpf-These neben der Realprobe auch das niederdeutsche Wort rotten ‚faulen lassen, den Flachs röten‘ hinein. Allerdings passt das sprachgeschichtlich nicht zusammen, weil inlautendes dd und tt im Niederdeutschen nicht identisch sind. Niederdeutsches d ist entweder altes germanisches d oder aber entstanden aus dem stimmhaften und stimmlosen Zahnreibelaut (ð und Þ, wie im englischen th). Für Radde bietet sich daher ein Anschluss an germanisch *raÞa ‚gerade verlaufend, schnell‘ (wie altniederdeutsch *rado ‚schnell, gewandt‘, althochdeutsch girado ‚plötzlich‘, radalîhho ‚eifrig, eilends‘, neuhochdeutsch ge-rade) an, der gut zu einem Gewässer passt.
Die Radde-Bäche könnten dann nach ihrer Fließgeschwindigkeit benannt worden sein, aber vielleicht auch nach ihrem schnellen Pegelanstieg bei Regen oder aber sie sind an einer bestimmten Stelle in ihrem Lauf als besonders ‚gerade verlaufend‘ angesehen worden. Der Abschnittsname könnte sich dann auf den gesamten Bachlauf übertragen haben.