1702 wird Lingen preußisch

Lingener Geschichte im Bild (37)

1702 kam die Grafschaft Lingen an das Königreich Preußen

Um das Ende der Oranischen Herrschaft und den Beginn der Preußischen Zeit in Lingen geht es in der heutigen Folge der Geschichtsserie von EL-Kurier und Emslandmuseum. Denn im Frühjahr 1702 stürzte Wilhelm III. von Oranien bei der Jagd vom Pferd und starb wenige Tage darauf an den Folgen dieses Unfalls. Er war kinderlos und bald begannen die Streitigkeiten um seine Nachfolge und sein Erbe.

König Friedrich I. von Preußen wurde 1702 Landesherr in Lingen

Eine Verwandte, Louise Henriette von Oranien, hatte 1646 den Kurfürsten Wilhelm von Brandenburg geheiratet. Sie war die Mutter Friedrichs III., der sich 1701 zum ersten König von Preußen krönen ließ. Friedrich hatte enge Beziehungen zur Lingener Familie Danckelmann und gab dieser den Befehl, Lingen beim Tod des Oraniers sofort für das Königreichen Preußen in Besitz zu nehmen. Grundlage dafür bildete ein alter Erbvertrag des Hauses Oranien, der später von den Niederländern auch anerkannt wurde.

Anfang August 1702 besuchte der König persönlich die Stadt Lingen, um sich von seinen neuen Untertanen huldigen zu lassen. Am 2. August 1702 begrüßten ihn die Professoren der Hohen Schule gemeinsam mit der reformierten Geistlichkeit im Hause des Geheimen Rats Thomas Ernst von Danckelman. Dort hatten ihm zuvor die Lingener Landstände, also die Vertreter der Stadt Lingen, die Vertreter des Adels für die Landgemeinden sowie die Lingener Beamtenschaft ihre Treue bekundet.

In aller Namen richtete der Universitätsgründer Henricus Pontanus, damals bereits Rektor der Universität Utrecht, eine Ansprache an den König und dankte ihm für die Bestätigung der Privilegien der Hohen Schule. Darauf begleiteten sämtliche Kuratoren, Professoren und Studenten den Herrscher in feierlichem Zuge unter Vorantragen des akademischen Zepters in das Auditorium der Universität (in der heutigen Kunstschule). Dort hielt der Lingener Rektor Otto Verbrügge eine Festrede. In barockem Pathos verglich der Redner die Stadt Lingen mit der antiken Stadt Mytilene auf der Insel Lesbos, die Lingener Akademie beschrieb er blumig als einen Musensitz und Tempel der Bildung. König Friedrich I. setzte er gleich mit Attalos, dem König von Pergamon, einem bekannten Förderer von Kunst und Wissenschaft. Diese in formvollendetem Latein vorgetragene Ansprache war also sicherlich nicht ohne Unterhaltungswert.

1707 erwarb das Königreich Preußen durch Kauf auch die Grafschaft Tecklenburg, so dass beide Gebiete nach 150 Jahren wieder unter gemeinsamer Herrschaft standen. Lingen wurde Regierungssitz für beide Länder. Diese lagen weit von den preußischen Kernprovinzen entfernt und hatten auch keine Landeverbindung zu den ebenfalls preußischen Gebieten in Minden-Ravensberg und am Niederrhein.

Es gab von Lingen aus keinerlei Beziehungen zum preußischen Wirtschaftsraum. So blieben die alten Verbindungen in die Niederlande weiterhin bestehen, auch wenn die Lingener dort fortan als Ausländer galten. Die reformierte Kirche und die Hohe Schule mit ihren zumeist niederländischen Studenten taten ein Übriges, damit die Kontakte in das Nachbarland nicht abbrachen. Chronisten aus dem 18. Jahrhundert beschreiben Lingen als typisch holländische Stadt und das Vorherrschen der niederländischen Sprache und Kultur in vielen Bereichen.