Die Binnenkolonisation in der Grafschaft Lingen

Basse partie de l’evesché de Munster et le comté de Benthem. Übersichtskarte 1673
Die Grafschaft Lingen war im 18. Jahrhundert ein landwirtschaftliches unterentwickeltes Gebiet: „Sehr mittelmäßiger Boden, viel dürre Sandstriche und große Moore“, so charakterisierte der Verwaltungsbeamte Justus Gruner um 1800 die Region. Wohlstand, meinte er, rühre hier „lediglich von der Industrie der Bewohner“ her, nicht von der Natur. Gerade in dieser Mischung aus Armut und harter Arbeit setzte die preußische Krone damals an, um die Grafschaft durch Binnenkolonisation zu stärken.
Schon früh versuchte man in Berlin, Siedler mit Anreizen ins Land zu locken. Nach der Lingener Dorfordnung von 1755 erhielten fremde Neubauern sechs Freijahre von allen Lasten, einheimische vier, und selbst wer nur Ödland urbar machte, durfte sich drei Jahre lang von Abgaben befreien. Neubauernhäuser sollten nicht mehr aus einfachen Hütten bestehen, sondern mit einer „geschlossenen Küche und Schornstein“ ausgestattet sein – sichtbares Zeichen der Modernisierung.
Doch die preußische Regierung wollte mehr. Im Februar 1770 kam es in Lingen zu einer großen Konferenz hochrangiger Beamter, unter ihnen der Kammerpräsident von Dacheroeden. Ziel war die Ansiedlung von fast zweihundert Familien in Lingen und Tecklenburg. Ganze Dörfer sollten neu entstehen, vor allem in den Kirchspielen Baccum, Beesten, Bawinkel, Bramsche, Freren, Plantlünne, Recke und Lingen selbst. Jedes Haus wurde genau geplant: 35 Fuß lang, 20 Fuß breit, mit Diele, Keller, Aufkammer, Waschkammer und Viehstall. Der Landbaumeister Angermann veranschlagte die Baukosten auf 78 Taler, insgesamt sollten mehr als 42.000 Taler in das Projekt fließen – eine gewaltige Summe für eine arme Region.
Doch schon im Vorfeld gab es Zweifel. Kammerdirektor Friedrich Ludwig Anton von Nolting kannte die Verhältnisse in Lingen genau. In einem Bericht an das Generaldirektorium in Berlin schrieb er, es sei „pflichtmäßig überzeugt, daß die Bevölkerung dieser Grafschaft durch Ausbreitung der Heuerleute am leichtesten, am geschwindesten und sichersten erreicht werden würde.“ Fremde Kolonisten hingegen verursachten Kosten und Schwierigkeiten; besser sei es, die einheimischen Heuerleute zu fördern, die den Boden kannten und zugleich mit dem wichtigen Leinengewerbe vertraut waren.
Die Realität gab ihm Recht. Von den vielen Familien aus der Pfalz und Oberpfalz, die zur Auswanderung bereitstanden, wollten nur wenige nach Lingen. Johann Georg Wilhelm (von) Baerensprung (1741–1803), der preußische Werber, klagte: „Der ungestüme Trieb nach Kleve ist gleichsam ein reißender Strom, und es macht unglaubliche Mühe, die Leute nach anderen Provinzen zu disponieren.“ Für die Grafschaft Lingen konnte er bis März 1770 gerade fünf Familien gewinnen: einen Schuster mit 300 Talern Bargeld, zwei Strumpfweber, die ebenfalls noch über 100 bzw. 150 Taler verfügten, und einen Ziegelstreicher, der eine alte Ziegelei bei Plantlünne wiederbeleben sollte.
Auch in der Stadt Lingen siedelten sich einzelne Handwerker an, die man heute als Beispiele für die Vielfalt der Kolonisation nennen kann: ein Perückenmacher aus dem Bergischen, ein Hutmacher aus Oberhausen und ein Chirurg aus dem Kölnischen. Sie alle standen für den Versuch, nicht nur Bauern, sondern auch Gewerbetreibende in der Region heimisch zu machen.
Doch die großen Erwartungen erfüllten sich nicht. Gruner, der um 1800 das Land bereiste, sprach es deutlich aus: „Sonst gibt es in Westphalen, und selbst namentlich im Fürstenthum Minden, unbebaute Strecken Landes genug, und die Population ist nicht stark; allein die Erfahrung beweist, daß nur Wenige Sinn für die weitere Kultur des Bodens haben.“ In seinen Augen war es ein Verdienst der brandenburgisch-preußischen Regierung, überhaupt einen gewissen Stand von Kultur und Wohlhabenheit erreicht zu haben.
Auch in den späten 1780er-Jahren versuchte Berlin, neue Impulse zu geben. 1.000 Taler wurden nach Lingen geschickt, um Heuerhäuser zu bauen und Neubauernstellen zwischen Freren und Schale zu schaffen. Die Bedingung lautete, dass die neuen Häuser mit Webern besetzt würden – ein Hinweis darauf, dass man die Landwirtschaft mit der Leinenproduktion verknüpfen wollte. Damit setzte sich eine Entwicklung durch, die Nolting bereits vorausgesehen hatte: Es waren die einheimischen Heuerleute, die in Verbindung mit dem Leinengewerbe für eine allmähliche Stärkung der Region sorgten. So blieb die Binnenkolonisation in der Grafschaft Lingen ein ambivalentes Projekt. Die großen Pläne für hunderte fremde Familien zerfielen angesichts schlechter Böden, hoher Kosten und mangelnder Attraktivität. Doch einzelne Biographien – der Schuster mit seinen 300 Talern, die Strumpfweber, der Ziegelstreicher bei Plantlünne, die Handwerker in Lingen – machen deutlich, wie konkret die Versuche waren, neues Leben in die Grafschaft zu bringen. Am Ende waren es jedoch weniger die Fremden als die Einheimischen, die mit Ausdauer, Handwerk und Webstuhl das Land in Kultur hielten.