100 Jahre Stromverbindung ins Emsland
In diesem Jahr feiern wir ein besonderes Jubiläum: Vor 100 Jahren, im Jahr 1925, wurde die erste überregionale Stromleitung ins Emsland gebaut. Ein Ereignis, das den Alltag der Region für immer veränderte – und das wir heute, im Zeitalter von Smart Homes und LED-Lampen, kaum noch zu würdigen wissen.

Antrieb des Dreschkastens mit Elektromotor.
Vor 1925: Das Emsland ohne Steckdose
Während viele Regionen Deutschlands bereits vor dem Ersten Weltkrieg elektrifiziert waren, blieb das Emsland noch lange im Schein von Petroleumlampen und Gaslaternen zurück. Zwar gab es im frühen 20. Jahrhundert erste kleine, dezentrale Stromerzeuger – meist angetrieben von Dampfmaschinen, Verbrennungsmotoren oder Wind- und Wasserkraft.
Mühlen, Molkereien und sogar einzelne Handwerksbetriebe erzeugten Strom für den eigenen Bedarf und belieferten gelegentlich Nachbarhäuser mit. Doch diese Kleinkraftwerke waren störanfällig. In Schapen schaltete der Molkereibesitzer Schäferhoff abends sogar bewusst den Strom ab – und markierte damit den inoffiziellen Zapfenstreich im Dorf.

Fahrbarer Elektromotor.
Lingen als Vorreiter – aber ohne überregionales Netz
In Lingen nahm das Eisenbahnwerk schon 1908 ein eigenes Kraftwerk in Betrieb, das bald auch das Krankenhaus versorgte. In der Innenstadt brummten Generatoren, und sogar der Kinobetrieb Heßkamp in der Marienstraße, das spätere Centralkino, produzierte eigenen Strom für die Filmprojektoren. Neue Technik war Motor der Elektrifizierung.
Freren hatte ab 1910 ein kleines privates Elektrizitätswerk, in Emsbüren versorgten Brennerei und Mühle die Umgebung – ebenso wie die Klöster in Handrup und Thuine oder die Schule auf Gut Hange. Doch all diese Netze blieben Inseln, unzuverlässig und leistungsbeschränkt.

In Freren beliefert seit 1910 ein privates Elektrizitätsnetz die Häuser der Stadt.
Der Wendepunkt: Die große Entscheidung der 1920er-Jahre
Stadt und Kreis Lingen drängten in den 1920er-Jahren auf den Anschluss an das Überlandnetz. Die Stadt Lingen kooperierte zunächst mit der niedersächsischen NIKE (Niedersächsische Kraftwerke) und spielte mit dem Gedanken, ein eigenes Wasserkraftwerk in Hanekenfähr zu bauen. Der Landkreis setzte dagegen auf eine Partnerschaft über die Provinzialgrenze hinweg mit der VEW (Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen).
Schließlich wurde klar: Nur gemeinsam konnte man den Schritt in die elektrische Zukunft schaffen. So kam es zum Vertrag mit der VEW – und zum Startschuss für das bis heute prägende Projekt.

Freileitungsbau in Freren.
1925: Die Stromleitung kommt – Das Emsland schließt sich an die Moderne an
Im Jahr 1925 bauten die Westfalen die Hochspannungsleitung von Rheine über Salzbergen und Emsbüren bis nach Lingen. Von dort aus wurden erstmals auch die umliegenden Orte im gesamten Kreisgebiet versorgt.
Für die Menschen war das ein Meilenstein – plötzlich eröffnete sich eine völlig neue Welt technischer Möglichkeiten. Zum Stadtjubiläum 1928 zeigte Lingen, wie sehr sich die Zeiten verändert hatten: Der Marktplatz erstrahlte mit hunderten Glühbirnen, festlich illuminiert und Symbol einer neuen Epoche.
Im selben Jahr kam eine zweite Stromleitung hinzu: von Rheine über Freren bis Lengerich. Damit waren schließlich alle größeren Orte im Kreis mit Elektrizität erschlossen.

Illumination mit Glühbirnen am Marktplatz zum Stadtjubiläum 1928.
Licht für alle – aber erst 1956 vollständig
In entlegenen Bauerschaften dauerte der Wandel jedoch noch Jahrzehnte. Bis man dort vom Petroleumlampenlicht zum Stromnetz wechseln konnte, vergingen 31 Jahre – erst 1956 wurde der letzte Haushalt im Landkreis angeschlossen.
Der Siegeszug des Elektrikers
Mit der Elektrifizierung entstand auch ein neuer Berufsstand: der Elektriker. Damals war die Technik noch so überschaubar, dass manche Heimwerker ihre Sicherungen mit Draht oder Zigarettenfolie „reparierten“ – ein heute undenkbares Sicherheitsrisiko, aber ein Spiegel der Aufbruchzeit.

Festwagen der Elektriker beim Handwerkerumzug in Freren 1953.
Fazit: 100 Jahre, die alles veränderten
Die Stromleitung von 1925 war mehr als ein technisches Projekt – sie war der Startschuss für die Modernisierung des gesamten Emslandes. Von selbst gebauten Kleinkraftwerken bis hin zum überregionalen Netz: Die Region hat in den vergangenen 100 Jahren einen beeindruckenden Wandel erlebt. Und jedes Mal, wenn wir heute das Licht einschalten, verdanken wir diesen Moment einer Entscheidung, die vor genau einem Jahrhundert getroffen wurde.