Lingener Geschichte im Bild (69)

Eines der schönsten Baudenkmäler in Lingen steht im Mittelpunkt der heutigen Folge der Geschichtsserie von Emslandmuseum und EL-Kurier: Die Bürgermeistervilla an der Wilhelmstraße, die heute als Kulturvilla bekannt ist. 1923 entwarf der Lingener Architekt Hans Lühn (1886-1932), ein Sohn des Bauunternehmers Lühn, für die Stadtverwaltung das Wohn- und Dienstgebäude für den Bürgermeister, das mit seiner schlichten, aber wirkungsvollen Gestaltung bis heute beeindruckt.

Hans Lühn (1886-1932) zählt sicherlich zu den herausragenden Baumeistern der Zwanzigerjahre im Emsland. Seine hohen gestalterischen Fähigkeiten zeigt auch sein Entwurf für die Villa an der Wilhelmstraße. Der einfache, quergelagerte Baukörper unter einem steilen Walmdach wird nur durch wenige Fensterachsen akzentuiert. Monumental wirkt die zurückspringende Mittelpartie mit einem wappenbekrönten Portal, das durch zwei eingestellte Säulen eingerahmt ist. Diese Anlageform folgt dem Vorbild der Villa Prof. Friederich Ostendorfs in Karlsruhe, dessen neuartige Architekturauffassung damals sehr populär war. So zitiert auch Lühn in seinem Entwurf für die Bürgermeisterville viele Prinzipien und Details der Ostendorf-Villa in Karlsruhe.


1925 war das Gebäudefertiggestellt. Der erste Bewohner des Hauses, Bürgermeister Hermann Gilles, hatte nicht lange Freude an seinem neuen Amtssitz. Nachdem die Nationalsozialisten ihn 1933 abgesetzt hatten, musste er auch seine Dienstwohnung räumen. Später zog hier der berüchtigte NSDAP-Kreisleiter und Lingener Bürgermeister Erich Plesse ein.
1945 beanspruchten zunächst britische Besatzungstruppen das Gebäude und später hatten hier verschiedene städtische Ämter und Behörden ihren Sitz. Seit Ende der 60er-Jahre diente die Villa dann als Sitz der Musikschule. Mit dem Neubau der Musikschule Anfang der 90er-Jahre wurde auch die frühere Bürgermeistervilla renoviert und erhielt einen weißen Farbanstrich, der dem alten Gebäude neuen Glanz verlieh. Doch mit der Zeit waren die durch den Baugrund verursachten statischen Schäden unübersehbar.
Daher fand in den Jahren 2023 und 2024 eine grundlegende Sanierung des Gebäudes statt. Dabei wurden die Räume im Erdgeschoss Ausstellungsräume eingerichtet und das Obergeschoss zu Büros für den Fachdienst Kultur ausgebaut. Gleichzeitig wurde das gesamte Gebäude barrierefrei erschlossen. Folgerichtig erhielt die frühere Bürgermeistervilla und Musikschule 2024 den Namen Kulturvilla.