„Der Name ist nicht zu erklären“

Überlegungen zum Ortsnamen Biene

Der Lingener Ortsteil Biene feiert Jubiläum. In diesem Jahr (2025) ist es nämlich 750 Jahre her, dass sein Name erstmals schriftlich erwähnt wurde. Damit gibt es Biene mindestens seit sieben und einem halben Jahrhundert – wenn das kein Grund zum Feiern ist!

Allerdings ist der Name an sich eine harte Nuss. Selbst der große Namenforscher Hermann Jellinghaus (1847–1929), der sonst eigentlich in der Namenwelt kaum eine Antwort schuldig blieb – auch wenn diese oftmals weit daneben lag – musste 1905 anlässlich einer Rezension des Buches „Geschichte des Kreises Lingen“ von Ludwig Schriever zugeben: „Der Name ist nicht zu erklären.“ Aber ist er es wirklich nicht? Lässt er sich nicht doch entschlüsseln?

Biene in der Gauß’schen Landesaufnahme von 1857.

Ludwig Schriever (1832–1905) hatte den Namen auf eine Form „Byide“ zurückgeführt und in die Bestandteile By– und –ide zerlegt. By sei die Biene und ide hielt er damals noch für ein Wort für Heide. Byide sei also die ‚Bienen-Heide‘ oder ‚Bienen-Weide‘. Diese Erklärung ist allerdings aus mehreren Gründe abzulehnen. Zunächst wissen wir heute, dass der Bestanteil ide (< ithi) nicht Heide oder Weide heißt, sondern ein Suffix ist, ein unselbstständiges Wortbildungselement wie –heit (Gesund-heit), –keit (Heiter-keit), –ung (Kleidung) usw. Mit –ithi wurde in Ortsnamen gekennzeichnet, dass es etwas an dieser Stelle gab. Byide könnte also die ‚Stelle mit Bienen‘ gewesen sein, der ‚Ort, an dem es Bienen gibt‘. Allerdings ist die von Schriever angeführte Form Byide nicht nachzuweisen, weshalb aus dem Bienen-Ort Biene leider nichts wird.

Wenn man hinter das Geheimnis des Namens Biene kommen möchte, muss man auf die ältesten Belege schauen. Und diese sind nicht Byide o.ä., sondern im Jahr 1275 „Biden“. Immer wieder wird auch eine Erwähnung „Bidem“, die in dem Corveyer Heberegister des 11. Jahrhunderts erscheint, auf Biene bezogen. Allerdings weiß man heute, dass es sich hier um einen Fehler beim Abschreiben gehandelt hat. Denn das Register liegt nicht mehr im Original vor, sondern nur noch als Abschrift aus dem Jahr 1479. Der Kopist hat damals B für W geschrieben. Bidem meint also eigentlich Widem und damit Wehm bei Werlte.

Die Erklärung des Namens Biene hat also von der Form „Biden“ auszugehen, wie sie 1275 überliefert ist. Eigentlich bietet sich nur ein Wortfeld an, an das der Name Biene anzuschließen ist. Und zwar gab es im Germanischen einen Begriff *bidjō für ‚Topf, Fass, Kübel‘ oder allgemein ‚Gefäß‘, der im Altniederdeutschen – der Sprache, die damals in der Region gesprochen wurde – *Bid gelautet hat. Im Altnordischen ist biđa ‚Milchkübel‘, im Norwegischen bide ‚Butterfass‘ belegt. Die alte Ortsnamenform „Biden“ liegt im Dativ Plural (Wem-Fall, Mehrzahl) vor, wie an dem -en zu erkennen ist. Somit ist von einer Wendung bî den Biden auszugehen, die mit ‚bei den Gefäßen‘ übersetzt werden kann.

Was allerdings genau damit gemeint gewesen ist, lässt sich aus dem Ortsnamen nicht erschließen. Wurden hier Gefäße hergestellt? Wurden hier bestimmte Gefäße benutzt? Vielleicht zur Aufbewahrung von etwas oder zu kultischen Zwecken? Lag hier ein frühgeschichtlicher Urnenfriedhof? Oder bezieht sich hier Topf oder Kübel metaphorisch auf die Topographie des Ortes? Gab es hier möglicherweise viele Bodenvertiefungen, die mit Töpfen oder Kübeln verglichen wurden?

Diese Fragen werden sich heute nicht mehr beantworten lassen. Das eigentliche Motiv des Ortsnamens hüllt sich leider in das Dunkel der Geschichte.

Übrigens könnte Biene auch noch ein anderes Jubiläumsjahr in Anspruch nehmen. Denn im Urbar des Stifts Wietmarschen, das 1570 begonnen und bis 1751 weitergeführt wurde, heißt es, dass der Schultenhof „to Biden“ im Jahr 1215 vom Kloster angekauft worden sei. Ob diese Nachricht in einer mehr als 300 Jahre jüngeren Quelle aber wirklich korrekt ist, kann man nicht wirklich sagen. Die originale Kaufurkunde fehlt. Im Urkundenarchiv des Stifts folgt auf eine Urkunde von 1209 erst wieder eine aus dem Jahr 1221. Auf der ganz, ganz sicheren Seite ist man daher mit der Urkunde aus dem Jahr 1275, die als Original überliefert ist…