Die Geschichte Preußens ist reich an großen Schlachten und militärischen Erfolgen – doch einen Feind vermochte selbst der disziplinierte Staat nicht zu bezwingen: die Raupe.

Was heute Gartenbesitzern in Form des Buchsbaumzünslers oder des Eichenprozessionsspinners den Schlaf raubt, war schon vor über 200 Jahren ein echter Albtraum für Forstbeamte und Landwirte – auch im Lingener Land. Damals tobte ein erbitterter Kampf gegen Millionen gefräßiger Insekten, die ganze Kiefernwälder kahlfraßen.
Im Sommer 1799 etwa traf es den Landwirt Dolle aus Biene bei Lingen besonders hart: Seine kleinen Kiefernflächen wurden regelrecht überrannt. „Millionen Raupen“, so heißt es in seinem Bericht, hätten sämtliche Nadeln vernichtet. Zwar kam ein frostiger Nachtwind zu Hilfe und tötete einen Großteil der Tiere – doch die Überlebenden machten sich sofort über die Rinde her.
Der zuständige Forstmeister Johann Christoph Schmidt (1748-1828) reagierte entschlossen. In Anlehnung an ein Fachbuch des preußischen Geheimen Forstrats Carl Wilhelm Hennert befahl er drastische Gegenmaßnahmen: Bäume fällen, verbrennen, den Waldboden abtragen, Gräben ziehen. Es war ein Krieg mit dem Ziel der völligen Ausrottung – und dennoch blieb der Erfolg bescheiden.

Carl Wilhelm Hennert, Ueber den Raupenfraß und Windbruch in den Königl. Preuß. Forsten von dem Jahre 1791 bis 1794, Leipzig 1798, Abb. 8.
Diese Episode markiert einen Wendepunkt in der Geschichte des Forstschutzes. Während man in der Mitte des 18. Jahrhunderts noch auf das mühsame Einsammeln der Raupen setzte, dachte man nun in größeren Maßstäben. Der Schaden, den Raupen anrichteten, wurde nicht nur als wirtschaftliches Problem gesehen – er war darüber hinaus eine Bedrohung für die Versorgung der Bevölkerung.
An den Schutz der Artenvielfalt dachte damals noch niemand. Es ging vielmehr um Effizienz, Holz und Brot. Und doch zeigt sich in dieser Geschichte ein bemerkenswerter Aspekt: Die Grenzen menschlicher Kontrolle über die Natur. Selbst ein starker Staat wie Preußen musste lernen, dass man gegen die kleinsten Gegner oft am wenigsten ausrichten kann…
Dazu ausführlich: Sebastian Schröder, Gefräßige „Schädlinge“: Die Bekämpfung von Raupen in der Grafschaft Tecklenburg, in: https://www.alltagskultur.lwl.org/de/blog/bekaempfung-von-raupen-in-der-grafschaft-tecklenburg/
Abbildungen: Bildtafeln aus Carl Wilhelm Hennert: Ueber den Raupenfraß und Windbruch in den Königl. Preuß. Forsten von dem Jahre 1791 bis 1794, Leipzig 1798. Digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10228836?page=256,257