Lingener Geschichte im Bild (35)

Um Bildungsgeschichte und Hochschulpolitik geht es in der heutigen Folge der Geschichtsserie von Emslandmuseum und EL-Kurier, denn auch in früheren Zeiten war die Stadt Lingen schon einmal Sitz einer Hochschule. Daran erinnern Namen wie der Universitätsplatz oder das Professorenhaus. Doch was steckt dahinter?

Die Herrschaft der Oranier in Lingen ging einher mit der Förderung der Reformierten Konfession, in der das Bildungssystem einen hohen Stellenwert hatte. Für die Organisation eines entsprechenden Schulsystems in Lingen sorgte der Prediger und spätere Professor Henricus Pontanus.
1679 gründete Wilhelm von Oranien in Lingen zunächst eine Lateinschule. Für den Schulbetrieb ließ er am heutigen Universitätsplatz zwei Gebäude errichten: Das eigentliche Schulgebäude mit einem Hörsaal und Klassenzimmern (die heutige Kunstschule) sowie ein Internatsgebäude mit Wohnungen für Lehrer und Schüler (das heutige Professorenhaus).
Einige Jahre später organisierte Pontanus im Auftrag seines Landesherrn die Gründung einer „Hohen Schule“. Dies war ein spezieller Hochschultyp in den reformierten Ländern, denen der katholische Kaiser kein Universitätsprivileg und damit das Recht zur Promotion erteilte. Genau wie an einer Universität umfasste aber auch eine Hohe Schule vier Fakultäten: Theologie, Jura, Philosophie und Medizin. Die Theologie stand aber sehr im Vordergrund, weil hier neben Juristen, Lehrern und Medizinern ja vorwiegend reformierte Prediger ausgebildet wurden.
Am 14. September 1697 stellte Wilhelm III. von Oranien die Gründungsurkunde für die Hohe Schule in Lingen aus und sicherte damit gleichzeitig die Finanzierung der Gehälter für die Professoren und die weiteren Bediensteten, darunter ein eigener Buchdrucker. Die Hohe Schule unterhielt auch eine umfangreiche Bibliothek. Diese wuchs nicht nur durch Ankäufe und Schenkungen, sondern auch durch die Regelung, dass jeder staatliche und kirchliche Amtsträger in der Grafschaft Lingen bei seinem Amtsantritt der Bibliothek ein Buch übereignen musste.

Ein eigenes Gebäude besaß die Hohe Schule in Lingen nicht. Die Studenten wohnten in Privatquartieren und die Vorlesungen fanden in den Privaträumen der Professoren statt. Ansonsten nutzte man die Räumlichkeiten der Lateinschule und später auch die Lutherische Kirche am Universitätsplatz
Die Hohe Schule in Lingen ermöglichte ihren Studenten eine abgeschlossene wissenschaftliche Ausbildung, die zum Eintritt in den Staatsdienst oder in das Amt des Predigers befähigte. Die Lingener Absolventen fanden vorzugsweise Anstellungen in den Grafschaften Lingen und Bentheim, in Ostfriesland den Niederlanden und den niederländischen Kolonien.
Beim Übergang Lingens an Preußen 1702 wurden die Privilegien der Hohen Schule bestätigt. Lingen lag jedoch abseits der übrigen preußischen Provinzen, so dass die meisten Studenten weiterhin Niederländer waren.

Beim Übergang Lingens an das Königreich Hannover 1815 fiel bald auf, dass die Hohe Schule zwar hohe Kosten verursachte, aber als Bildungseinrichtung kaum noch Nutzen brachte. Am 16. April 1820 löste der König von Hannover die Hohe Schule auf und wandelte die Lateinschule in ein Gymnasium um, das heutige Georgianum.