Von der Haselünner Straße zweigt der sogenannte Hessenweg ab. In Nordwestdeutschland gibt es viele so bezeichneter Trassen. Über deren Name ist schon viel gerätselt worden. Auf Grundlage der heutigen lautlichen Gestalt wurden oft die Hessen als Namensgeber vermutet.

Der Verlauf des Hessenwegs auf der Landesaufnahme von 1853.
Hessische Söldner
Die Hessenwege seien beispielsweise eine Verbindung gewesen, auf der im Dreißigjährigen Krieg hessische Söldner zogen und die Umgebung in Angst und Schrecken versetzten. Beim Ausruf „Hessen“ seien selbst Kühe in ihre Waldverstecke oder angelegten Erdställe gelaufen. Doch auch hessische Fuhrleute oder Fernhändler sollen Pate des Wegenamens gewesen sein, die aus Mitteldeutschland kommend in die Niederlande gezogen seien. Im Osten des Nachbarlandes finden sich über 30 Hessenwege, sodass diese These etwas für sich hätte. Hessische Kaufleute lassen sich zudem schon im Mittelalter auf ostniederländischen Märkten in Deventer, Zutphen und Kampen nachweisen. Auffällig ist, dass Hessenwege vielfach an größeren Orten vorbeilaufen. Diese Beobachtung wird auf der einen Seite damit erklärt, dass die Fernhändler oder Fuhrleute die Zollstellen der Städte umgehen wollten, auf der anderen Seite, dass diese keine Zeit verlieren und Verzögerungen vermeiden wollten. Eine andere Variante spricht von nordhessischen Bergbauern, die sich in den Niederlanden zur Arbeit verdingten und ebenfalls die Hessenwege für ihre Überlandreise nutzten. Es seien also hessische „Hollandgänger“ gewesen, die den Namen der Wege geprägt hätten.
Breite Hessenkarren
Da die hessischen Kauf- und Fuhrleute besondere Pferdekarren benutzt hätten – sogenannte „Hessenkarren“ –, die angeblich eine größere Spurbreite als die üblicherweise genutzten Wagen aufwiesen, hätten sie nur auf Sonderwegen fahren können. Diese Theorie wird auch damit begründet, dass Hessenwege vielfach parallel zu anderen Handelsrouten verliefen. Dadurch sei man dann auch den Konflikten aus dem Weg gegangen, die – aufgrund der breiteren Wagenspur – durch das Überfahren des Ackerlandes entstanden seien. Hessenwege hätten daher durch unkultiviertes Land geführt, wo niemand beeinträchtigt wurde. Alle diese Überlegungen setzen jedoch ein noch recht junges Alter der Bezeichnung voraus.
Hohes Alter
Allerdings gibt es bereits einen Beleg für einen Hessenweg in Nordwestdeutschland, der schon aus dem 11. Jahrhundert stammt. Adam von Bremen nennt in seiner um 1075 verfassten Hamburgischen Kirchengeschichte eine via publica, die „Hessewech“ genannt werde. Diese öffentliche Straße befand sich zwischen Nienburg an der Weser und Verden an der Aller. Aufgrund dieser frühen Nennung eines Hessenwegs fällt dessen Entstehung im Dreißigjährigen Krieg schon einmal weg. Auch die hessischen Händlerpfade bekommen durch diesen Beleg ein sehr wackliges Fundament. Der münsterische Philologie Joachim Hartig machte daher 1964 eine andere Erklärung wahrscheinlich: Hessenwege, die parallel auch als Hirschwege erscheinen, gehen auf eine ältere Form Herßweg zurück, die für das späte Mittelalter belegt ist. Darin steckt das altniederdeutsche Wort hers, eine häufige Nebenform zu hros, die ‚Pferd‘ bedeutet (vergleiche englisch horse, deutsch Ross).
Diese Begriffe kommen auch in regionalen Ortsnamen vor. So geht Herzebrock auf die im Jahre 976 genannte Form in „Horsabruoca“ zurück, die man mit ‚Pferdemoor, Pferdesumpf‘ (zu mittelniederdeutsch brôk ‚Sumpf‘) übersetzen kann. Auch Orsoy am Rhein, 1139 „in Hersougen“ ist die ‚Pferde-Aue‘.
Pferde-Wege
Die Hessenwege sind also ‚Pferde-Wege‘ gewesen. Damit lassen sie sich mit der altenglischen Bezeichnung „horsweg“ vergleichen. Da eine solche parallele Bildung sicherlich nicht zufällig entstanden ist, muss es hers– oder horswege schon im 5. Jahrhundert gegeben haben, als Angeln und Altsachsen aus Nordwestdeutschland nach Britannien zogen und natürlich auch ihre Sprache mitbrachten. So urteilt Hartig abschließend über Hersweg/Horsweg: „Vielmehr ist anzunehmen, daß man die Worte zur Bezeichnung einer ganz bestimmten Art von Landstraßen gebildet hatte.“ Worin sich diese Überlandwege gegenüber anderen öffentlichen Straßen wie Hellwege, Deetwege oder Heerwege unterschieden, wird wohl aber für immer ein Geheimnis der Geschichte bleiben.