Lingen im Kaiserreich

Lingener Geschichte im Bild (63)

Feier zum ‚Kaisergeburtstag‘ auf dem Marktplatz (1897)

Die Epoche des deutschen Kaiserreiches (1871-1918) steht im Mittelpunkt der heutigen Folge der Geschichtsserie von EL-Kurier und Emslandmuseum. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs (1914) war dies eine wirtschaftliche Blütezeit für die Stadt Lingen. Aus dem hannoverischen Amtssitz wurde eine preußische Kreisstadt mit zahlreichen Behörden.

Der Lingener Marktplatz um 1915 mit den neuen ‚Hochhäusern‘

Das industrielle Zeitalter begann in Lingen 1856 mit dem Anschluss an das Eisenbahnnetz. Das im gleichen Jahr eingerichtete Eisenbahnausbesserungswerk entwickelte sich durch mehrfache Erweiterungen zum bedeutendsten Industriebetrieb und Arbeitgeber der Stadt und der Region. Zu weiteren industriellen Entwicklung trugen die 1860 von privater Seite geschaffene Gasanstalt sowie eine 1870 gegründete Eisengießerei und Maschinenfabrik bei. Deren plötzlicher Konkurs 1878 zog etwa 1000 Menschen in Mitleidenschaft und ließ die Einwohnerzahl der Stadt sogar kurzzeitig sinken. Die übrigen Industriebetriebe, die im Wesentlichen zwischen 1875 und 1930 entstanden, blieben im Vergleich zu Eisenbahnwerk von geringer Bedeutung.

Landrat Francke um 1910 vor dem alten Landratsamt an der Georgstraße (heute Polizei)

Die Textilindustrie, die in den Nachbarstädten Rheine, Schüttorf und Nordhorn dominierte, war in Lingen nur mit wenigen kleineren Betriebe vertreten. Die Mehrzahl der Lingener Beschäftigten arbeitete in kleinen Handwerksbetrieben, die sich hauptsächlich mit der Nahrungs- und Kleidungsproduktion, der Papier- und Holzbearbeitung und der Herstellung chemischer Produkte befassten.

Der wirtschaftliche Aufschwung der Stadt spiegelte sich auch deutlich in den Einwohnerzahlen. Während die Bevölkerung bis 1848 lediglich auf 2736 Personen anwuchs, zählte die Stadt 1875 schon 6019, 1880 nach dem Konkurs der Eisenhütte nur noch 5835, 1888 aber bereits wieder 6300 Einwohnern. Im Jahre 1900 lebten in der Stadt über 7000 und 1918 über 8000 Personen.

Das erste ‚Hochhaus‘ am Marktplatz (um 1910)

Die eng bebaute Altstadt war mit Wohnungen und Gewerbebetrieben stark überbelegt. Die Trinkwasserqualität der Hausbrunnen wurde bedenklich und die Stadt musste eine zentrale Wasserversorgung mit einem Wasserturm errichten. Im Umfeld der Stadt entstanden zahlreiche neue Wohnhäuser, umgeben von großen Gärten für die Selbstversorgung mit Lebensmitteln. Entlang der Hauptstraßen zogen sich Reihenhäuser („Lange Jammer“) mit Wohnungen für die Industriearbeiter bis in die Nachbargemeinden Laxten und Darme. Im Stadtzentrum entstanden in der Zeit um 1900 die ersten „Hochhäuser“ mit drei Etagen. Das Stadtbild wandelte sich von einer ländlichen Kleinstadt zu einer Industriestadt.

Die Kreisstadt Lingen bildete den Schauplatz vieler gesellschaftlicher Ereignisse und der Feiertage. Zu den nationalen Gedenktagen wie dem „Sedantag“ oder dem Geburtstag des Kaisers gab es Aufmärsche auf dem Marktplatz und Festumzüge durch die Innenstadt. Daran beteiligten sich neben den Vertretern von Stadt, Landkreis und Behörden auch die Beamtenschaft, die Kriegervereine und andere national gesinnte Verbände und Vereine.