Lingener Geschichte im Bild (93)

Um das Thema Energie geht es in der heutigen Folge der Geschichtsserie von Emslandmuseum und EL-Kurier. Schon in den 1960er-Jahren war Lingen Standort eines der ersten Atomkraftwerke in Lingen. Ab 1982 bauten die VEW im Industriepark Süd einen weiteren Kernreaktor, der im Frühjahr 2023 als eines der letzten Atomkraftwerke in Deutschland vom Netz ging.

In den 1970er-Jahren hatte sich die Kernkraft als Stromproduzent in Deutschland fest etabliert. Zahlreiche Atomkraftwerke unterschiedlicher Bauart wurden im gesamten Bundesgebiet errichtet. Geplant war ferner eine Wiederaufbereitung der Brennstäbe in einer Großanlage, die aber wegen des wachsenden Protestes gegen die Atomenergie später nie gebaut wurde.

Als die Pläne für den Bau eines weiteren Atomkraftwerkes im Industriepark Süd bekannt wurden, kam es 1980 zu einer ersten Großdemonstration gegen die Atomkraft in Lingen. Aus einem weiten Umkreis reisten Atomkraftgegner nach Lingen an, aber auch Einheimische gingen gegen die Atompläne auf die Straße.


1982 wurde mit den Bauarbeiten für die Anlage begonnen, die sich über mehrere Jahre hinzogen. Während der Bauzeit kam es im Frühjahr 1986 zur Reaktorkatastrophe in Tschernobyl. Der Widerstand gegen die Atomkraft im Allgemeinen und gegen das Kraftwerk nahm auch in Lingen zu. Doch die Bauarbeiten am Kraftwerk liefen ungehindert weiter.
Zum ersten Jahrestag der Atomkatastrophe in Tschernobyl gab es im April 1987 eine große Demonstration gegen den Weiterbau des Kernkraftwerks. Als dann im Laufe des Jahres bekannt wurde, dass die verstrahlte Molke aus Bayern im alten Kraftwerk entsorgt werden sollte, bildete sich eine breite Bürgerbewegung gegen die Molkeaufbereitung in Lingen. Gleichwohl wurde die Molke in Lingen dekontaminiert und im Frühjahr 1988 ging das Atomkraftwerk ans Netz. Zur Unterscheidung vom alten Kernkraftwerk Lingen erhielt das neue Kraftwerk den Namen Kernkraftwerk Emsland. Die Steuereinnahmen sprudelten und bildeten ein wichtiger Faktor beim Ausbau der Infrastruktur der Stadt.

Der Betrieb des Kraftwerks, ein Druckwasserreaktor moderner Bauart mit 1,4 Megawatt Leistung, lief 35 Jahre weitgehend störungsfrei. Weil ein Endlager für die abgebrannten Brennstäbe bis auf weiteres nicht zur Verfügung steht, wurde auf dem Kraftwerksgelände ein Zwischenlager eingerichtet, um dort die abgebrannten Brennstäbe in Schutzbehältern einzulagern.

Nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima im Frühjahr 2011 wurde in Deutschland ein beschleunigter Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen. Die drei letzten deutschen Kernkraftwerke Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2 gingen am 15. April 2023 vom Netz.