Woher der Begriff Wiemen kommt…
Wissen Sie, was ein Wiemen ist? Derjenige, der noch des Plattdeutschen mächtig ist, denkt dabei an eine schlichte Holzstange im Hühnerstall oder an das Gerüst im Schornstein, an dem Speck, Schinken und Würste gemütlich im Rauch hängen. Doch hinter diesem eher bodenständigen Alltagsgegenstand steckt eine erstaunlich weite Reise durch Zeit und Sprache – von den Römern über das Mittelalter bis in die neuzeitlichen Küchen und Ställe.
Der Ursprung des Wortes liegt nämlich im Lateinischen: vîmen, viminis bedeutete dort ‚Weidenrute‘ oder ‚Flechtwerk‘. Eine ganz praktische Sache – aus biegsamen Weidenzweigen flocht man Körbe, Zäune oder sogar ganze Wände. Über das Galloromanische (wozu auch das Französische und seine regionalen Dialekte gehören) wanderte der Begriff ins Mittelniederländische als wieme ein, wo er immer noch für Weidenzweig oder Flechtwerk stand. Und dann, irgendwo auf dem Weg ins Mittelniederdeutsche, passierte etwas Spannendes: Die Bedeutung änderte sich. Aus der Rute zum Flechten wurde ein festes Stangengerüst – vor allem eines, das in der Küche oder im Herdfeuer/Schornstein hing.
Dort war der Wiemen jahrhundertelang ein unverzichtbarer Teil der Vorratshaltung: Speck, Würste, Schinken – alles, was im Winter haltbar bleiben sollte, baumelte im Wiemen über dem offenen Feuer. Der Rauch sorgte nicht nur für Aroma, sondern auch dafür, dass das Fleisch lange lagerfähig blieb. In Westfalen kennt man diese Vorratskammer im Kamin noch heute als „westfälischen Himmel“.
Doch der Wiemen war nicht nur etwas für Feinschmecker, sondern auch für das Geflügel. In vielen Dialekten bezeichnet er bis heute die Sitzstange der Hühner – oder gleich den ganzen Hühnerverschlag. Aus dieser Bedeutung stammen hübsche Redewendungen wie „Mit de Höhner to Wiemen gahn“ – also so früh schlafen gehen wie die Hühner. In manchem Bauernhaus hing der Hühnerwiemen sogar direkt in der Wohnstube hinter dem Ofen – praktisch beheizt, aber vermutlich geruchsintensiv.
Das Schöne an „Wiemen“ ist, dass er in fast allen niederdeutschen Dialekten vorkommt, im Niederländischen ebenso. Über Jahrhunderte hat das Wort seinen Weg gemacht, seine Form verändert – von wieme über wiemen – und ist mal als feminines, mal als maskulines Substantiv aufgetreten. Heute setzt sich fast überall die maskuline Form „der Wiemen“ durch, aber in alten Texten findet man noch „die Wieme“. Und so erzählt der Wiemen nicht nur eine kleine Geschichte vom Alltag auf dem Land, sondern auch eine große von Sprachwanderungen, Bedeutungsverschiebungen und davon, wie sehr Sprache und Lebensweise ineinandergreifen. Vom römischen Weidenzweig über mittelalterliche Räucherküchen bis in den Hühnerstall – alles steckt im unscheinbaren Wort „Wiemen“.