Die Kivelinge, ihr Thronschatz und das Immaterielle Kulturerbe
Wer im Emslandmuseum Lingen vor dem Thronschatz der Kivelinge steht, sieht zunächst kostbare historische Gegenstände: Königsketten, silberne Plaketten und andere Insignien des Bürgersöhne-Aufzuges. Die Königsketten reichen über fünf Jahrhunderte zurück. Zusammen mit dem historischen Kompaniebuch der Kivelinge gehören sie zu den bedeutendsten Zeugnissen einer Tradition, die eng mit der Geschichte Lingens verbunden ist.

Der Thronschatz zeigt allerdings nur einen Teil dieser Geschichte. Denn das, was die Tradition der Kivelinge ausmacht, lässt sich nicht in eine Museumsvitrine stecken.
Seit 2018 gehört der „Bürgersöhne-Aufzug zu Lingen ‚Die Kivelinge‘ von 1372“ zum Bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes. Die Deutsche UNESCO-Kommission ordnet die Tradition mehreren Bereichen zu: den gesellschaftlichen Bräuchen, Ritualen und Festen, den mündlich überlieferten Traditionen und Ausdrucksweisen sowie den darstellenden Künsten. Im Mittelpunkt steht das alle drei Jahre zu Pfingsten gefeierte Kivelingsfest.
Der Internationale Tag des Immateriellen Kulturerbes am 17. Oktober ist daher ein guter Anlass, das Verhältnis zwischen den historischen Gegenständen und der bis heute gelebten Tradition genauer zu betrachten. In diesem Jahr wird der von der UNESCO 2023 ausgerufene Aktionstag zum dritten Mal begangen. Kulturinstitutionen und Trägergemeinschaften auf der ganzen Welt machen an diesem Tag auf die Vielfalt lebendiger Traditionen und die Bedeutung ihrer Weitergabe aufmerksam.
1372: Überlieferung und Geschichte
Am Anfang der Kivelingstradition steht eine Erzählung. Im Jahr 1372, so die Überlieferung, sei die Stadt Lingen belagert worden. Nachdem die erwachsenen Männer den Angriffen nicht mehr standhalten konnten, seien die jungen unverheirateten Bürgersöhne zur Verteidigung aufgeboten worden. Sie hätten die Angreifer zurückgeschlagen und dafür vom Rat der Stadt das Recht erhalten, ein Erinnerungsfest zu feiern. Aus diesen jungen Streitern seien die „Kivelinge“ (zu mittelniederdeutsch kîwen ‚zanken, streiten‘) hervorgegangen.
Historisch lässt sich diese Erzählung zwar nicht bis in das Jahr 1372 zurückverfolgen. Das Jahr wurde aber in dem im 18. Jahrhundert begonnenen ältesten Kompaniebuch überliefert. Schützengemeinschaften sind in Lingen dann im 16. Jahrhundert archivalisch nachweisbar; 1557/58 werden erstmals „junge Schützen“ beziehungsweise Bürgersöhne erwähnt.

alse der borgerkyndere(n)
beeret myt ½ t(unne) beers
f(acit) – 1 m(a)rck
Zudem den jungen Schützen,
also der Bürger Kinder[:]
beschenkt mit ½ Tonne Bier
macht – 1 Mark.
Stadtarchiv Lingen, Altes Archiv, Nr. 5496.
Für die Geschichte eines Immateriellen Kulturerbes ist diese Mischung aus Überlieferung, späterer schriftlicher Fixierung und fortdauernder Praxis durchaus typisch. Ein Brauch muss nicht in allen Einzelheiten seit Jahrhunderten unverändert bestehen. Entscheidend ist vielmehr, dass Menschen ihn weitergeben, mit Bedeutung füllen und an veränderte Lebensbedingungen anpassen.
Silberne Stadtgeschichte
Wie sehr die Tradition der Kivelinge mit einzelnen Menschen und Familien verbunden ist, lässt sich an den Königsketten im Emslandmuseum ablesen. Über Generationen hinweg wurden an ihnen die Plaketten der jeweiligen Kivelingskönige angebracht. So entstand im Laufe der Zeit eine Art Archiv Lingener Bürgergeschichte.
So zeigen niederländische Sinnsprüche auf den Plaketten die politischen und kulturellen Verbindungen der früheren Grafschaft Lingen mit dem Haus Oranien. Die Medaillen erzählen damit mehr als die Geschichte des Bürgersöhne-Aufzuges. Namen, Hausmarken, Sprache, Gestaltung und Stifterpraxis geben Einblicke in Familien-, Sozial- und Stadtgeschichte. Vor allem aber zeigen sie, dass hinter einer über Jahrhunderte bestehenden Tradition immer konkrete Menschen stehen.

Eine Tradition verändert sich
Die Anerkennung der Kivelinge als Immaterielles Kulturerbe bedeutet nicht, dass das Fest seit Jahrhunderten in derselben Form gefeiert wird. Im Gegenteil: Vieles, was heute selbstverständlich zum Kivelingsfest gehört, ist erst im Laufe der Zeit entstanden. Eine wichtige Vorstufe des heutigen historischen Volksfestes waren die „Heimatschauen“ der Kivelinge, die 1928 und erneut in den 1930er-Jahren auf dem Gelände des damaligen Drostenhauses beziehungsweise der Familie Narjes stattfanden. Historisch eingerichtete Räume, Landsknechte, Musik, Volkstanz und kostümierte Gruppen verbanden Ausstellung und Fest. Das historische Marktgeschehen und der große Festumzug, die heute das Bild des Kivelingsfestes wesentlich bestimmen, entwickelten sich vor allem seit dem Jubiläumsjahr 1972.


Auch politische und gesellschaftliche Umbrüche haben das Fest verändert. Nach dem Zweiten Weltkrieg fand 1949 erstmals wieder ein großes Kivelingsfest statt. Eine im Archiv des Emslandmuseums erhaltene „Kivelings-Dienst-Vorschrift“ aus diesem Jahr zeigt, dass sich die Organisatoren bewusst von militärischen Aufmarschformen der NS-Zeit distanzierten. Stechschritt, scharfe Kommandos und andere militaristische Formen sollten ausdrücklich unterbleiben. Zum Fest von 1949 gehörte außerdem die Bewirtung von 200 Flüchtlingskindern, die mit ihren Familien nach Lingen gekommen waren. Die Kivelinge schenkten der Stadt eine silberne Amtskette für den Bürgermeister. Nach Krieg und Diktatur erhielt das historische Fest damit einen deutlich zivilen und gemeinschaftlichen Charakter.
Nicht das Alter allein entscheidet
Mit der Aufnahme in das Bundesweite Verzeichnis im Jahr 2018 wurde deshalb nicht einfach das hohe Alter des Brauches gewürdigt. Eine wichtige Rolle spielen ebenso seine Wandlungsfähigkeit, das ehrenamtliche Engagement und seine Bedeutung für die Stadtgesellschaft. Hunderte Menschen beteiligen sich an der Vorbereitung und Durchführung des dreitägigen Festes. Zu den Besonderheiten gehört das traditionelle Geschenk der Kivelinge an die Bürgerschaft, das aus dem Ertrag des vorhergehenden Festes finanziert wird. Darin zeigt sich ein bis heute wichtiger Grundgedanke: Das Kivelingsfest soll nicht nur ein Fest der Kivelinge sein, sondern ein Fest für die Stadt.

Stadtarchiv Lingen, Sammlung Notgeld, Nr. 1.
Auch die Weiterentwicklung gehört ausdrücklich zur Tradition. Während der mehrjährigen Vorbereitungsphasen entstehen neue Ideen. Angebote für Kinder, Maßnahmen zur Barrierefreiheit und die Einbindung unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen sind Beispiele dafür, wie sich das Fest gesellschaftlichen Veränderungen öffnet.
Heute organisiert der Bürgersöhne-Aufzug das Fest in elf Sektionen. Beim nächsten Kivelingsfest vom 15. bis 17. Mai 2027 wird die Lingener Innenstadt wieder zum Schauplatz des historischen Marktes. Am Festmontag folgen auf die Krönung des neuen Königs auf dem Marktplatz der große Umzug und weitere Veranstaltungen in der Stadt.
Was kann ein Museum vom Immateriellen bewahren?
Für ein Museum stellt sich beim Immateriellen Kulturerbe eine besondere Frage: Wie lässt es sich sammeln, bewahren und ausstellen? Die materiellen Hinterlassenschaften wie Königsketten, Plaketten, Schriftstücke, Fotografien und historische Festprogramme können konserviert, erforscht und gezeigt werden. Die Tradition selbst nicht. Sie existiert nur dort, wo Menschen sie kennen und praktizieren. Das geschieht, wenn das Wissen über Festabläufe weitergegeben wird, wenn die Sektionen gemeinsam planen und bauen, wenn Musik gespielt, Geschichten erzählt und Rituale vollzogen werden. Und es geschieht, wenn eine neue Generation mitmacht und dabei entscheidet, was sie übernimmt und was sie vielleicht anders machen möchte.

Am Thronschatz der Kivelinge lässt sich dieses Zusammenspiel besonders gut beobachten. Im Museum werden die historischen Königsketten als Originale geschützt und bewahrt. Während des Kivelingsfestes erhalten die Insignien ihre zeremonielle Funktion zurück. Für kurze Zeit werden aus Museumsobjekten wieder Gegenstände, die innerhalb einer lebendigen Tradition gebraucht werden.
Lebendiges Erbe braucht Menschen
Der Internationale Tag des Immateriellen Kulturerbes am 17. Oktober erinnert daran, dass kulturelles Erbe nicht nur aus Gebäuden, Kunstwerken und historischen Gegenständen besteht. Dazu gehören auch Wissen, Rituale, Feste, Handwerkstechniken, Musik, Erzählungen und soziale Praktiken. Sie können nur erhalten bleiben, wenn Menschen sie weitergeben.

Bei den Kivelingen lässt sich das unmittelbar beobachten. Im Emslandmuseum befinden sich mit dem Thronschatz und dem historischen Kompaniebuch bedeutende materielle Zeugnisse der Tradition. In der Stadt wird dieses Herkommen weiterhin praktiziert, diskutiert und verändert. Vielleicht macht gerade dieser Wechsel zwischen Museum und Stadt den besonderen Wert des Thronschatzes aus. Silber, Vergoldung und kunsthandwerkliche Gestaltung machen die Objekte historisch wertvoll. Ihre eigentliche Bedeutung erschließt sich aber erst durch die Menschen, Geschichten und Handlungen, mit denen sie seit Generationen verbunden sind. Immaterielles Kulturerbe lässt sich nicht in eine Vitrine legen. Aber eine Vitrine kann durchaus zeigen, wie lebendig es immer noch ist.