Lingener Geschichte im Bild (71)

In Lingen gab es 1928 eine „600-Jahrfeier“ und heute ist die Stadt schon über 1000 Jahre alt. Wie das möglich ist und warum das vermeintliche Gründungsjahr der Stadt im Jahre 1327 heute nicht mehr gültig ist, beleuchtet die 71. Folge der Geschichtsserie von Emslandmuseum und EL-Kurier.

Die Grundlage des umstrittenen Stadtjubiläums von 1928 bildete eine Urkunde in lateinischer Sprache, die nur als Abschrift einer Abschrift überliefert ist und deren genaue Datierung bis heute Fragen aufwirft. Angeblich werden darin zum ersten Mal die Stadtrechte Lingens bezeugt, doch handelt es sich dabei keineswegs um eine Gründungsurkunde oder ein Dokument über die Verleihung der Stadtrechte.


Jedenfalls beschloss man in den 20er-Jahren, diese Urkunde als Anlass einer 600-Jahrfeier der Stadt Lingen im Jahre 1927 zu werten. Die Zeitumstände mit Inflation, Wirtschaftskrise und steigender Arbeitslosigkeit ließen allerdings kein Fest in großem Rahmen zu. Und als Anfang Juni 1927 ein Wirbelsturm das Stadtzentrum verwüstete, sagte man alle geplanten Feierlichkeiten erst einmal ab.


Am 1. September des Folgejahres 1928 wurde das Jubiläum nachgeholt. An Stelle der früheren Stadttore an der Lookenstraße und der Mühlentorstraße entstanden Eingangstore im mittelalterlichen Stil. Den Eingang zur Wilhelmshöhe, Schauplatz des offiziellen Festaktes, schmückte ein fantasievoller Nachbau des Machuriusbogens, der von verkleideten Kivelingen in Landsknechtsuniformen belebt wurde. Verantwortlich für diesen besonders reich ausgestatteten Festbogen zeichnete der Wirt Heinrich Lobenberg, der vor der Übernahme der Wilhelmshöhe eine Ausbildung zum Bildhauer absolviert hatte.

Auch der Marktplatz war für die Jubiläumsfeier mit einem großen Ehrenbogen geschmückt. In den Abendstunden erstrahlte pünktlich zum Fackelzug das alte Stadthaus am Markt in einer Illumination aus hunderten von Glühbirnen, die von der Jahreszahl „600“ bekrönt wurden.

Den Höhepunkt des Festes bildete zweifellos eine „Heimatschau der Kivelinge“, die im Hof und Park des früheren Drostenhauses an der Ecke Marienstraße-Lookenstraße ihren Schauplatz fand. Das dortige Anwesen mit einem großen Gartengelände gehörte seinerzeit der Familie Narjes und wurde 1945 bei den Straßenkämpfen um Lingen restlos zerstört.

Am Eingangstor erwartete eine kostümierte Stadtwache die Besucher, von denen viele aus dem Umland mit der Eisenbahn angereist waren. Im Innenhof traten Landsknechte und Spielleute in historischen Uniformen auf. In Narjes Scheune gab es eine große Ausstellung mit Antiquitäten aus der Geschichte der Stadt.


Im Garten traten ein mittelalterlicher Kivelingsthron, Chöre und Tanzgruppen auf, darunter eine Gruppe Spinnerinnen und Schüler der Castellschule, die als Hollandgänger verkleidet waren. Auch die Postschule beteiligte sich mit einem Mottowagen zur Lingener Geschichte und ein Festwagen der Gärtnerinnung war mit bunten Blütendekorationen geschmückt.


Viele der damaligen Ideen wurde Jahrzehnte später bei den Stadtjubiläen 1975 und 2025 wieder aufgegriffen, die nun allerdings auf der ersten urkundlichen Erwähnung Lingen im Jahr 975 basieren.