Lingener Geschichte im Bild (64)

Um Eisenbahngeschichte geht es in der heutigen Folge der Geschichtsserie von EL-Kurier und Emslandmuseum. Und die war im 19. Jahrhundert noch geprägt durch die deutschen Kleinstaaten. So wurde Lingen zwar kein Eisenbahn-Knotenpunkt, aber Standort eines Eisenbahn-Reparaturbetriebes, der innerhalb weniger Jahrzehnte zum größten Industriebetrieb der Region aufstieg.

Mitte des 19. Jahrhunderts planten die Königreiche Hannover und Preußen den Bau einer „Westbahn“, die Hannover mit den Niederlanden und das Ruhrgebiet mit Emden verbinden sollte. Hannover favorisierte das emsländische Lingen als Kreuzungspunkt, doch Preußen setzte die westfälische Stadt Rheine als Knotenpunkt der 1856 eröffneten „Westbahn“ durch.
Dafür erhielt Lingen im gleichen Jahr die „Königlichen Bahnhofswerkstätten“ zur Überprüfung und Instandsetzung der Dampflokomotiven und Waggons. Die Werkstatt entwickelte sich bald zum größten Industriebetrieb des Emslandes. 1919 waren dort über 2000 Personen beschäftigt.

Neben den großen Wartungshallen für die Lokreparatur an der Kaiserstraße und dem Wagenwerk an der Lindenstraße gab es verschiedene Spezialwerkstätte: Kesselschmiede und Kupferschmiede, Dreherei, Gießerei, Holzbearbeitung usw. Ab 1908 kam neben der Dampfkraft auch Elektrizität aus einem eigenen Kraftwerk zum Einsatz.
Das Eisenbahnwerk war ein Zentrum der Arbeitsbewegung in Lingen. 1894 gründeten Beschäftigte des Werkes die erste emsländische Gewerkschaft. Viele Familien aus Lingen und den umliegenden Ortschaften hatten durch einen Arbeitsplatz beim Eisenbahnwerk eine bescheidene, aber sichere Existenz, häufig über mehrere Generationen.

In den 1920er-Jahren führten Rationalisierung und sinkender Reparaturbedarf zu einem erheblichen Personalabbau. 1932, zur Zeit der großen Arbeitslosigkeit in Deutschland, sank die Zahl der auf 776 Mitarbeiter. Nach einem wirtschaftlichen Aufschwung in den 1930er-Jahren folgte der Einsatz für die Kriegswirtschaft. Bei Luftangriffen 1944 wurden sämtliche Werksanlagen getroffen und stark zerstört.
Seit der Mitte der 1950er-Jahre führten Technisierung und Rationalisierung sowie die Umstellung von Dampfloks auf Diesel- und Elektrolokomotiven zu einem dauerhaften Personalabbau und schließlich zur Schließung des Werkes.
Die großen Hallen der früheren Lokabteilung an der Kaiserstraße dienen heute als Campus Lingen der Hochschule sowie als Zentrum für Kunst, Kultur und Medien. An der Stelle des früheren Wagenwerkes befinden sich heute die Emslandhallen.