Ein Schulwandbild aus der NS-Zeit im Emslandmuseum Lingen
Von Moritz Terwei
Manch einer kennt sie noch aus seiner eigenen Schulzeit: die sogenannten Schulwandbilder. Auch das Emslandmuseum Lingen besitzt eine Vielzahl dieser Bilder aus verschiedenen Epochen. Heute wollen wir uns einem Schulwandbild aus der NS-Zeit widmen.
Schulwandbilder als Lehrmedien

Schulwandbilder in der Landschule des Mühlenhof-Freilichtmuseums Münster. Sie dienten sowohl als didaktische Medien als auch als Wandschmuck. (Virtueller Museumsrundgang des Mühlenhof-Freilichtmuseums [Screenshot], 21.03.2025).
Von ca. 1880 bis 1970 waren Schulwandbilder ein wesentlicher Bestandteil des Schulunterrichts, bis sie ab den 1960er Jahren durch neue technische Medien, darunter Filme und Overheadfolien, als Lehrmittel verdrängt wurden. Wochen- oder sogar monatelang hingen die großformatigen Darstellungen in den Klassenzimmern und waren somit auch schulischer Wandschmuck. In einem damals noch relativ bilderarmen Alltag dürften sie daher nachhaltig auf die Schülerinnen und Schüler gewirkt haben. Da diese Bilder eine vermeintliche, dem jeweiligen Zeitgeist entsprechende Wirklichkeit vermittelten, kann man an ihnen die Vorstellungen ihrer Entstehungszeit ablesen.
Das Schulwandbild und Der praktische Schulmann

Das Schulwandbild zeigt das sagenhafte Aufeinandertreffen zwischen Otto I. und dem jungen Hermann Billung. Foto: Emslandmuseum Lingen.
Das hier präsentierte Schulwandbild trägt den Titel „Otto der Große und Hermann Billung, der spätere Herzog von Sachsen“. Es zeigt dem Betrachtenden eine Szene aus der sagenhaften Erzählung über die angeblich erste Begegnung zwischen Hermann Billung und König Otto I., nach der der junge Hermann selbstbewusst und mutig dem König und seinem Gefolge entgegengetreten sei, als diese von der Straße abgekommen und rechtswidrig über das Feld seines Vaters geritten seien.
Das Wandbild wurde im Jahr 1943 unter der Nr. 312 vom Verlag Der praktische Schulmann herausgegeben. Somit ist es das letzte Schulwandbild, das der Verlag während der NS-Zeit publiziert hat, da die Produktion in diesem Jahr zuerst durch einen Brandschaden eingeschränkt, dann das Verlagsgebäude schließlich in der Nacht vom 7. auf den 8. Oktober im Zuge eines Bombenangriffs der Briten getroffen wurde und großteilig niederbrannte. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg nahm der Verlag 1948 seine Arbeit wieder auf, nun unter dem Namen Der neue Schulmann.
Das Unternehmen, das mehrmals seinen Namen wechselte, wurde 1925 vom Lehrer Hermann Pfeilschifter gegründet, bis es bereits 1926 von den Freunden und gemeinsamen Inhabern der Franckh’schen Verlagshandlung Walther Keller (1869–1952) und Euchar Nehmann (1865–1948) übernommen wurde. So erklärt sich der auf dem Wandbild zu findende Zusatz „Keller & Nehmann“. Das Schulwandbild druckte die in Stuttgart ansässige Offsetdruckerei Fricke und Co., die 1924 von Gustav Fricke gegründet wurde und seit 1926 die Wandbilder des Schulmann-Verlags herstellte. Bis 1987 gab letztgenannter Schulwandbilder und eine begleitende Zeitschrift heraus. Das hier näher behandelte Wandbild wurde in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut und unter der Beratung von Magda Gerken publiziert. Gerken war NSDAP-Mitglied und seit 1934/35 angestellt als Sachbearbeiterin für Methodik am Goethe-Institut.
Der Vorbesitzer des Wandbildes: Die Katholische Volksschule Schepsdorf

Einer der beiden Stempel der ehemaligen Katholischen Volksschule Schepsdorf auf dem Schulwandbild. Foto: Emslandmuseum Lingen.
Die beiden Stempel unten links und rechts lassen auf die Herkunft des Schulwandbildes schließen, bevor es ins Museum kam: Es gehörte zuvor zum Schulinventar der Katholischen Volksschule Schepsdorf, heute Grundschule Schepsdorf. Sie wurde als einklassige Schule 1852 auf dem Grundstück des Pfarrhauses erbaut, 1911 zu einer zweiklassigen ausgebaut. Da während der Invasion der Engländer im April 1945 die britischen Soldaten u.a. die Schule bezogen und dabei angeblich sämtliches Lehrmaterial vernichteten, wird die Schule wahrscheinlich erst anschließend an das Schulwandbild aus der NS-Zeit gelangt sein.

Die einstige zweiklassige Volksschule in Schepsdorf. Foto: Heimatverein Schepsdorf.
Willy Planck und seine ‚Kunstgriffe‘ im Wandbild
Gemalt wurde das Wandbild vom gebürtigen Stuttgarter Künstler Willy Planck (1870–1956), der innerhalb von 26 Jahren 51 Wandbilder für den Verlag veröffentlichte. Von 1933 bis 1943 stammen ungefähr 20 % der vom Schulmann-Verlag veröffentlichten Schulwandbilder von ihm.

Der Künstler Willy Planck (1870–1956) (Ausschnitt aus: Karl-May-Wiki, Willi Planck, https://www.karl-may-wiki.de/index.php/Datei:Maler_Planck,_Willy-2.jpg (Zugriff: 06.03.2026).
Charakteristisch für Plancks Illustrationen ist die Verwendung der Diagonalen, die auch hier durch die Platzierung der handelnden Figuren (von Otto I. mit Gefolge über den zeigenden Hermann Billung bis zu dem weidenden Vieh) zum Ausdruck kommt und so zur Erschließung des Bildraumes führt. Das Bild kann in Vorder-, Mittel- und Hintergrund unterteilt werden: Otto I. steht mit seinem Gefolge zusammen mit dem jungen Hermann im Vordergrund, die weidende Rinder im Mittelgrund und die norddeutsche Landschaft im Hintergrund. Diese Aufteilung richtet sich nach den zu vermittelnden Lehrinhalten: Otto, sein Gefolge und Hermann Billung sind die Hauptakteure der Geschichte und stehen somit präsent im Vordergrund, während Zweitrangiges in den Mittel- bzw. Hintergrund rückt.
Auch die menschliche Perspektive ist auffällig: Die Lernenden sollten direkt in die Szene hineinversetzt werden und regelrecht unmittelbar am Geschehen als Augenzeuge teilnehmen. So lässt Planck insgesamt keinen Spielraum für offene Interpretationen. Schließlich sollte den Schülerinnen und Schülern eine ganz bestimmte, eindeutige Wirklichkeit suggeriert und vermittelt werden: König Otto I. unterscheidet sich von seinem Gefolge lediglich durch seinen sichtbaren Bart sowie durch seine Kopfbedeckung, deren Stirnreif im Gegensatz zu den anderen Soldaten Zacken aufweist und somit an eine Krone erinnert. Die restliche Kleidung bzw. Rüstung und Bewaffnung Ottos ist nahezu identisch mit der seines Gefolges. Diese Uniformität entspricht dem nationalsozialistischen propagierten Ideal einer einheitlichen ‚Volksgemeinschaft‘, in der der Einzelne in der Masse nahezu unsichtbar wird. Dieses einheitliche und hier durch die Bewaffnung vertretende wehrhafte Erscheinungsbild existiere also angeblich auch schon so im Mittelalter.
Währenddessen hebt sich der junge Hermann Billung als zentrale Einzelperson stark von der Gruppe ab. Er wird ihr gegenübergestellt. Die Szene kann so als Anspielung auf den NS-Führerkult interpretiert werden, nach dem ein Einzelner und sein Wille über die Masse herrscht, auch wenn die soziale Ordnung hier verkehrt herum erscheint, wie Peter Joerißen herausgestellt hat. So steht Hermann unerschrocken und fest mit beiden Füßen auf dem Boden und trotzt Otto und seinem berittenen Gefolge. Der junge Hermann trägt einen kleinen Dolch, der als Symbol für seine Wehrhaftigkeit gedeutet werden kann. Sein Erscheinungsbild erinnert zudem mit dem hemdartigen Kleidungsstück und der kurzen Hose an einen Hitlerjungen und dient entsprechend als Identifikationsfigur für die Kinder und Jugendlichen. Er hält einen Stock zum Hüten des Viehs in der rechten und zeigt mit der linken Hand selbstbewusst auf einen Punkt, vermutlich auf die öffentliche Straße, die außerhalb des Bildes liegt.
Das sagenhafte Aufeinandertreffen zwischen Otto I. und Hermann Billung
Tatsächlich ist Hermann Billung († 973), im Gegensatz zu seinen Vorfahren, erstmalig 936 historisch greifbar, als Otto ihn zum principes militae ernennt und ihm den Oberbefehl auf dem Feldzug gegen die Redarier überträgt. Als Markgraf taucht der Billunger erstmals 953 auf. In der Geschichtsschreibung des Mittelalters wird Hermann einerseits als vir nobilis, als adeliger Mann, andererseits als armer Bauerssohn und aufsteigende Person beschrieben. Die aktive Weitergabe des Wissens um Hermann Billung im Laufe des Spätmittelalters führte laut Carolin Triebler vermutlich zu einer immer sagenhafteren Erzählung über Hermanns Ursprung, für die es allerdings keine bekannte Quellengrundlage gibt.
Diese Sage fasst Anton Christian Wedekind 1835 zusammen. Seiner Angabe nach sei die Erzählung damals unter den Landbewohnern noch verbreitet gewesen. Er habe sie in einer Hofchronik bei Stübeckshorn gefunden: Otto I. habe auf seinem Weg nach Soltau das Gelände dieses Meierhofes überquert. Dort sei er auf dem Feld auf Hermann gestoßen, der Schafe (im Schulwandbild Rinder) hütet. Letzterer habe einen Hirtenstab gehabt, an dem ein Beil befestigt gewesen sei. Im Wandbild fehlt dieses allerdings. Laut der Geschichte habe sich Hermann dann Otto, der das Land von Hermanns Vater überquert hätte, entgegengestellt und mit dem Einsatz des Beils gedroht, sollte er seinen Weg über das Feld fortsetzen. Otto gefiel die Kühnheit und Furchtlosigkeit des Jungen, sodass er ihn mit sich nahm und ihn am Hof zum Edelmann machte.
Auch im sogenannten Lehrerkommentar bzw. Begleittext zum Schulwandbild von A[lexander?] Meier wird diese Geschichte, die auch im Deutschen Lesebuch für Volksschulen für das fünfte und sechste Schuljahr enthalten sei, in leicht veränderter Form geschildert. So werden, wie bspw. auch in der dritten Auflage des „Deutschen Sagenschatzes“ von 1921, Hermann und Otto im Begleittext zu sprechenden Figuren, zum Beispiel indem Hermann beim Aufeinandertreffen Otto und seinem Gefolge deutlich macht: „Die Straße ist euer, das Feld ist mein!“ (S. 14). Neben wörtlicher Rede wird auf die Pflichtauffassung des Jungen eingegangen, der die Rinder nicht alleine lassen will, als Otto den Billunger auffordert, ihn zu seinem Vater zu bringen. Der Begleittext sieht Hermann als Bauernjungen und seinen Willen, seine Tugenden und Charaktereigenschaften stellvertretend für das ganze ‚Volk‘, dem Otto gerecht werden muss. Das Handeln des Anführers des ‚Volkes‘ diene also angeblich schon seit jeher dessen Wohl.

Die erste Seite des Lehrerkommentars von A. Meier zum Schulwandbild. Die Begleittexte lieferten zusätzliche Informationen zu den Wandbildern. Foto: Emslandmuseum Lingen.
Auf die oben erwähnte fehlende Belegbarkeit wird zwar ebenfalls eingegangen, doch dabei der sagenhafte Charakter bewusst positiv herausgestellt, da durch diese populäre Erzählung als Teil des Gedächtnisses des ‚Volkes‘ erst recht besonders eindringlich „der jeweilige Stammescharakter und die Grundzüge rassischer Eigenart zutage treten“ (S. 13) würden.
So wird Hermanns Verhalten im Lehrerkommentar nun als „unbeirrbare[s] Rechtsgefühl“ und „bedingungslose[] Pflichttreue“ (S. 13) gedeutet, der trotz seiner scheinbar überlegenden Gegenspieler sein Recht und Eigentum verteidige. Hermann wird im Begleittext als treuer Helfer Ottos I. und des Reiches im Kampf gegen die Slawen erwähnt, der schließlich deren Land unterworfen und vollends befriedet habe.
Es wird also ein angeblich kontinuierlicher bzw. immer wieder geführter Kampf und die Verteidigung des eigenen ‚Lebensraumes‘ seit mittelalterlicher Zeit suggeriert sowie die brutale Eroberungs- und Großmachtpolitik des NS-Regimes unterschwellig legitimiert. Auch die als ‚deutsch‘ deklarierten Züge Ottos als Beschützer und dienender Anführer des ‚Reichs‘ werden im Begleittext hervorgehoben, der aus dem „Munde des Knaben die Stimme des Volkes“ (S. 14) hört.
Somit kann man festhalten, dass das nationalsozialistische Bild von Heldenmut, Treue, Pflichtbewusstsein und Unerschrockenheit sowie der nationalsozialistische Wehrgedanke vor allem durch das Schulwandbild an Kinder und Jugendliche im Kontext des andauernden Krieges vermittelt werden sollte.
Quellen
- Meier, A[lexander?], Hermann Billung, in: Der praktische Schulmann. Heft 1/2, Stuttgart 1943, S. 13–15.
- Planck, Willy, Otto der Große und Hermann Billung, der spätere Herzog von Sachsen, Der praktische Schulmann, Nr. 312, Stuttgart 1943.
- Tecklenburg, August; Sohnrey, Heinrich (Hrsg.), Deutscher Sagenschatz, Rostock 31921.
- Wedekind, Anton C., Noten zu einigen Geschichtsschreibern des deutschen Mittelalters, Bd. 2, Hamburg 1835.
Literatur
- Institut für Pädagogik der Universität Würzburg, Schulwandbilder Geschichte und Forschung, https://www.paedagogik.uni-wuerzburg.de/forschung/forschungsstelle-historische-bildmedien-wuerzburg/schulwandbilder-geschichte-und-forschung/, Würzburg 2023 (Zugriff: 02.03.2026).
- Joerißen, Peter, Der „alltägliche Faschismus“ in den Schulwandbildern zur Zeit des Nationalsozialismus, in: Brög, Hans (Bearb.): Die weite Welt im Klassenzimmer. Schulwandbilder zwischen 1880 und 1980, Köln 1984, S. 53–59.
- Michels, Eckard, Von der Deutschen Akademie zum Goethe-Institut. Sprach- und auswärtige Kulturpolitik 1923–1960, München 2005.
- Müller, Walter, Schulbücher und Schulwandbilder im Spiegel der Forschung, in: Wiater, Werner (Hrsg.): Schulbuchforschung in Europa – Bestandsaufnahme und Zukunftsperspektive, Bad Heilbrunn 2003, S. 119–137.
- Schulte, Ursula, Die Entwicklung der Grundschule Schepsdorf, in: Heimatverein Schepsdorf (Hrsg.), 25 Jahre Heimatverein Schepsdorf. Aus der Geschichte des Dorfes 1989-2014, Lingen/Schepsdorf 2014, S. 275–280.
- Triebler, Carolin, Vom vir nobilis zum armen Bauernjungen. Konstruktion und Rezeption genealogischen Wissens am Beispiel der Herkunft der Billunger, in: Cusa, Giuseppe; Dorfner, Thomas (Hrsg.), Genealogisches Wissen in Mittelalter und Früher Neuzeit. Konstruktion – Darstellung – Rezeption, Berlin 2023, S. 89–108.
- Uphoff, Ina Katharina, Wider Chaos und Zerfahrenheit: die didaktische Präparation der Welt im Schulwandbild, in: Zeitschrift für pädagogische Historiographie 12/2 (2006), S. 127–136.
- Zimmer, Eva, Wandbilder für die Schulpraxis. Eine historisch-kritische Analyse der Wandbildproduktion des Verlags Schulmann 1925–1987, Bad Heilbrunn 2017.