Lingener Geschichte im Bild (80)

In der Geschichtsserie von EL-Kurier und Emslandmuseum geht es in dieser Woche weiter mit der Wirtschaftsgeschichte der Nachkriegszeit. Im Mittelpunkt der aktuellen Folge stehen die Lingener Textilwerke, später bekannt unter der Marke Lincron.

Am 31. Dezember 1945 gründeten die beiden „Lingener Jungen“ Bernhard Merswolke (1907-1976) und Hans Veer (1910-1975), die bis dahin in leitender Stellung bei Nino in Nordhorn tätig waren, die „Lingener Bekleidungswerke“. Die erste Näherei mit 25 Beschäftigen befand sich in der „Greisschen Mühle“ an der alten Rheiner Straße. Mit gebrauchten Haushaltsnähmaschinen begann dort die Produktion von Kleidern und Blusen.

1948 gelang es, in der frühere „Hüttenplatzschule“ an der Schwedenschanze weitere Nähwerkstätten einzurichten. Denn in der Greisschen Mühle waren mittlerweile schon 80 Näherinnen tätig und der Betrieb platzte buchstäblich aus allen Nähten. Die neue Fabrikationsstätte firmierte unter dem Namen „Lingener Textilwerke“ und zählte Anfang 1950 schon 200 Beschäftigte.

17 Handelsvertreter sorgten für den bundesweiten Absatz der Ware unter der Marke „Lingener Kronen Wäsche“ und die Presse meldete: „Alle 30 Sekunden ein Oberhemd aus Lingen“. Hergestellt wurden neben Damen- und Herrenwäsche auch Strickwaren, Strampelhosen und Kinderwäsche. In den umgebauten Räumen der Hüttenplatzschule konnte in Fließbandfertigung produziert werden. Dies beschleunigte die Produktion. 1951 war der Personalbestand der „Lingener Textilwerke“ bereits auf 350 Beschäftigte angewachsen, zumeist Frauen, die Herrenoberhemden, Damenblusen, Schlafanzüge und Nachthemden nähten.

An eine Ausweitung der Produktion war in den beengten Räumlichkeiten allerdings nicht zu denken. Daher entschied man sich für den Neubau einer Fabrikanlage an der Waldstraße. Die Architekten Heino Deeken und Dipl.Ing. Helmut Liebert entwarfen eine moderne Produktionshalle, die mit einer Länge von 65 Metern bei einer Breite von 24 Metern ohne jegliche Innenstützen auskam. Für die neue Fabrik wurde 1953 auch eine neue Firma gegründet, die „Lingia-Wäschefabrik“, Vorläufer der späteren Dachmarke „Lincron“.

Im Juli 1953 liefen die Fließbänder an der Waldstraße an. Dort entstanden 300 neue Arbeitsplätze und die Gesamtbelegschaft umfasste nun 800 Personen. Täglich verließen 4000 bis 5000 Artikel, hauptsächlich Sport- und Oberhemden, fertig verpackt die neue Fabrik in Lingen.

Durch die zunehmenden Importe von Textilien aus Billiglohnländern stand die Bekleidungsindustrie in Deutschland seit den 1960er-Jahren unter einem starken Konkurrenzdruck, dem sie auf die Dauer nicht standhalten konnte. Die Produktion bei Licron wurde stufenweise zurückgefahren. Die Herstellung und der Vertrieb der bekannten Hemdenmarke endeten im Jahr 2000. Die Betriebsgebäude und das mittlerweile als denkmalgeschützte Bürogebäude an der Waldstraße übernahmen die Stadtwerke Lingen als neuen Firmensitz.