Eine kleine Geschichte der niederdeutschen Sprache
Kürzlich hielt unser Museumsleiter Dr. Christof Spannhoff einen gut besuchten Vortrag zur Geschichte und Entwicklung des Plattdeutschen. An dieser Stelle soll daher eine kurze Zusammenfassung gegeben werden:

Plattdeutsch ist in unserem Alltag nur noch selten zu hören. Allenfalls werden im Gespräch bestimmte regionaltypische Begriffe und Floskeln gebraucht oder ein „Guet Goahn“ als Abschiedsgruß eingeflochten. Öfter ist hingegen eine dialektal gefärbte Aussprache des gesprochenen Hochdeutschen zu vernehmen, wenn etwa der Verschlusslaut g als Reibelaut ch ausgesprochen wird.
Doch auch im Stadtbild ist das Niederdeutsche mancherorts noch anzutreffen, etwa in Hausschriften, Gasthausnamen oder plattdeutschen Straßennamen. Aber warum ist das Niederdeutsche, das ursprünglich eine von Westfalen bis Ostpreußen reichende Amts- und Kultursprache war, auch im Emsland im Verschwinden begriffen?
Seinen Aufstieg nahm das Niederdeutsche auf Kosten einer anderen Sprache, die es aus dem öffentlichen Leben verdrängte: des Lateinischen. Zwar sprachen im frühen und hohen Mittelalter nur wenige Menschen Latein. Es war aber die Sprache schlechthin für Rechtsgeschäfte, Wissenschaften, Literatur. So sind vor 1300 sämtliche Urkunden in lateinischer Sprache verfasst. Ab 1300 steigt dann die Anzahl niederdeutscher Schriftstücke rapide an. Vermutlich steht diese Entwicklung in Zusammenhang mit dem Aufstieg des norddeutschen Wirtschaftsverbundes der Hanse und der damit einhergehenden Ausbildung des städtischen Bürgertums. Für die Kaufleute war eine einheitliche Sprache, die auch von weniger gebildeten Zeitgenossen gesprochen und verstanden wurde, wesentlich praktischer. Latein blieb von nun an auf den innerkirchlichen und wissenschaftlichen Bereich beschränkt.
Man darf sich allerdings nicht der Vorstellung hingeben, die Menschen vor 1000 Jahren hätten das gleiche Niederdeutsch gesprochen wie die heutigen Mundartsprecher. Beide Gruppen würden sich nicht gut verstanden haben, zu vielfältig sind die sprachlichen Veränderungen, die das Niederdeutsche – wie jede andere Sprache auch – durchlaufen hat. Die Sprachwissenschaft unterteilt daher grob in drei Entwicklungsstadien: das Altniederdeutsche (800 bis 1200), das Mittelniederdeutsche (1200 bis 1650) und das Neuniederdeutsche oder Plattdeutsche.
Dabei währte die eigentliche Blütezeit des Niederdeutschen zwischen 1300 und 1500 nur gut 200 Jahre. Während es natürlich in Norddeutschland immer noch die gesprochene Alltagssprache war, setzte allerdings im Laufe des Jahrhunderts der Rückgang als Schriftsprache ein. Nach und nach wurde das Niederdeutsche – beginnend in den landesherrlichen und städtischen Schreibstuben – durch die hochdeutsche Schriftsprache ersetzt. Für diese Entwicklung sind mehrere Ursachen ausschlaggebend: der Niedergang der Hanse, die es erst groß gemacht hatte, die vom Mitteldeutschland ausgehende Reformation, der Buchdruck und vor allem die immer stärkere Herausbildung des wirtschaftlichen und kulturellen Schwerpunkts im Süden Deutschlands. Hier residierte das Kaiserhaus der Habsburger. Die norddeutschen Fürsten waren daher auf hochdeutsche Sprachkompetenz angewiesen, um mit den Herrschern kommunizieren zu können.
Hochdeutsch gewinnt an Bedeutung
Während der gebildete Norddeutsche ab 1600 zweisprachig war, also sowohl Niederdeutsch als auch Hochdeutsch in Wort und Schrift beherrschte, führte erst der Aufbau des Schulsystems, die allgemeine Schulpflicht, darüber hinaus das Aufkommen von preisgünstigen Druckerzeugnissen in hochdeutscher Sprache im 18. und 19. Jahrhundert zu einem sprachlichen Wandel. Nun lernte ferner die einfache Bevölkerung nach und nach Hochdeutsch. Diese Entwicklung begann in den Städten und weitete sich dann auf den ländlichen Bereich aus.
Die Ende des 19. Jahrhunderts aufkommende „Heimatbewegung“ erkannte selbst auf dem Land diesen immer weiter um sich greifenden Rückgang des Niederdeutschen und bemühte sich, diesen Niedergang aufzuhalten und die niederdeutsche Sprache zu fördern. Für Münster ist in diesem Zusammenhang beispielsweise die 1875 gegründete Abendgesellschaft Zoologischer Garten e.V. (AZG) zu nennen, die ab 1881 plattdeutsche Theaterstücke aufführte. Noch bis heute schreiben die Heimatvereine, plattdeutsche Gesprächskreise, Laienbühnen oder Mundartdichter die Aufgabe des Erhalts des „Plattdeutschen“ auf ihre Fahnen.
Einen weiteren Schlag erhielt das Plattdeutsche nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie schon die Aufklärer im 18. Jahrhundert sahen die damaligen Bildungspolitiker die niederdeutsche Sprache als starkes Bildungshemmnis an und verdammten die Mundart aus Klassenzimmern und Elternhaus. Erziehungsberechtigten, die um die berufliche Zukunft ihrer Kinder besorgt waren, wurde empfohlen, ihre Sprösslinge hochdeutsch aufwachsen zu lassen.
Auf kurz oder lang wird das Aussterben des Niederdeutschen als gesprochene Sprache aber kaum zu verhindern sein. Im normalen Berufsalltag und in einer immer globaler werdenden Welt hat es seine Funktion verloren. Allerdings werden plattdeutsche Spuren in Münster und dem Umland immer erhalten bleiben, beispielsweise in den vielen niederdeutschen Orts-, Flur- und Straßennamen, aber auch Familiennamen, die mit niederdeutschen Wörtern gebildet worden sind und ihre Träger „lebenslang“ mit der regionalen Mundart verbinden.
Zum Thema
Der Begriff „Plattdeutsch“, der im 16. Jahrhundert in den Niederlanden aufkommt, hat übrigens nichts mit dem „platten Land“ zu tun, auf dem Plattdeutsch gesprochen wird, auch nicht mit Niederdeutschland im Gegensatz zu Oberdeutschland. „Platt“ in Plattdeutsch meinte ursprünglich „klar, deutlich, jedermann verständlich“. Selbst wenn sich Plattdeutsch heute für einen deutschen Nicht-Mundartsprecher wie eine Fremdsprache anhören dürfte, so bedeutete der Begriff ursprünglich doch „die klare, verständliche Sprache“.