Lingener Geschichte im Bild (75)

Um das traurigste Kapitel in der Historie der Stadt Lingen geht es in der heutigen Folge der Geschichtsserie von Emslandmuseum und EL-Kurier: das Schicksal der jüdischen Familien in Lingen während der NS-Zeit. Bis 1933 waren sie in Lingen vollständig integriert, waren geschätzte Nachbarn, Freunde und Vereinskollegen. Was dann folgte war ganz klar politisch und rassistisch motivierter und eiskalt geplanter Massenmord.

Unmittelbar nach der Machtübernahme verstärkten die Nationalsozialisten wurde auch in Lingen die antijüdische Propaganda und ordneten die ersten Maßnahmen gegen die Juden an, etwa den Boykott jüdischer Geschäfte. Der Antisemitismus wurde Staatsdoktrin und skrupellose Juristen gossen das nationalsozialistische Gedankengut von Rasse und Volkstum in gültige Gesetzte. Bald flüchteten die ersten jüdischen Familien aus Lingen in das Ausland.

Juden wurden zuerst aus dem Staatsdienst und dann aus immer mehr Berufsfeldern verdrängt, darunter der für die Lingener Juden sehr wichtige Viehhandel. Auch aus dem gesellschaftlichen Leben und dem Stadtbild sollten sie verschwinden. Die Entrechtung und Verfolgung der Juden geschahen vor den Augen der Öffentlichkeit, wurde aber von vielen verdrängt oder gar befürwortet, weil sich die wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland unter Hitler scheinbar rasch besserten. 1938 stand Hitler auf dem Höhepunkt seiner Popularität und fand für seine Politik Zustimmung in breiten Kreisen – auch im Emsland.
Im November 1938 brannten in ganz Deutschland die Synagogen und die Nationalsozialisten gingen mit offener Gewalt gegen die Juden vor. Auch die Lingener Synagoge wurde in dieser Nacht zerstört und die jüdischen Geschäfte und Wohnhäuser geplündert. Das Unrechtssystem hatte seine Maske endgültig fallen lassen und fast alle schwiegen – manche aus Angst, andere aus Gleichgültigkeit. Und viele stimmten sogar zu.
Mit Hilfe von Nachbarn und Freunden gelang einigen Lingener Juden bis zum Kriegsbeginn 1939 noch in letzter Minute die Flucht ins Ausland. Doch wegen der hohen Zahl der Flüchtlinge waren immer weniger Länder bereit, Juden aus Deutschland aufzunehmen.

Mit Kriegsbeginn schnappt die Falle endgültig zu. Die Lingener Juden hatten nun jede Aussicht auf eine Flucht verloren. Sie mussten ihre Wohnungen verlassen und wurden unübersehbar mitten im Stadtzentrum zwangsweise in einem sogenannten „Judenhaus“ an der Marienstraße einquartiert. In den besetzten Ländern in Osteuropa errichteten die Nationalsozialisten Arbeits- und Vernichtungslager. Dorthin deportierten sie nicht nur die Juden aus Deutschland, sondern auch die jüdische Bevölkerung aus den besetzten Ländern und die deutschen Juden, die dorthin geflüchtete waren. Auch jüdische Familie aus Lingen, die sich in den Niederlanden, in Belgien oder Frankreich schon in Sicherheit glaubten, wurden so noch ergriffen, deportiert und ermordet. Nur einzelne überleben den Holocaust.