Historischer Schauplatz oder spätere Erinnerungsstiftung?

Zum Burgen-, Hof- und Familiennamen Wekenborg

Es gibt Familiennamen, die sind schnell erklärt und haben auch keine spannende Geschichte zu erzählen. Wenn etwa jemand Schmidt heißt, bedeutet das, dass der namengebende Vorfahre das Handwerk des Schmiedes ausgeübt hat. Aufschlussreicher würde es, wenn man durch familiengeschichtliche Forschungen noch die Schmiede identifizieren könnte, die der Ahn einst betrieb. Das ist aber bei der Vielzahl des Namens und bei den zahlreichen Schmiedestandorten der Vergangenheit oftmals nicht möglich.

Anders steht es mit dem im südlichen Emsland verbreiteten Namen Wekenborg. Bei diesem ist der Ursprung eindeutig. Die Familie trägt ihren Namen nach einer Hofstätte, die wiederum nach einer benachbarten Wallburg östlich von Meppen und südlich von Bokeloh benannt ist. Die Burg wird nach bisherigem Stand der Forschung erstmals um 1435 als „tor Wedekenborch“ erwähnt. 1499 erscheint dann eindeutig die der Befestigung wenige Meter nördlich benachbarte Hofstätte im Register der münsterischen Willkommschatzung als „Bernt Wedekenborch“, 1652 dann als „Otto Weeckenburgh“.

Aufschlussreicher für die Geschichte des Namens ist allerdings ein Beleg aus dem Jahr 1444: „die Konick Wedekenborg“. Hier wird also eine Erklärung des Namens gegeben, indem die Befestigung an der Hase mit dem Sachsenanführer Widukind, dem Gegenspieler Karls des Großen bei der gewaltsamen Eingliederung Nordwestdeutschlands in das Frankenreich, in Zusammenhang gebracht wird. Die ursprünglich fast quadratische Wallanlage liegt auf einem im Osten fast senkrecht abfallenden Geländesporn 9 bis 10 Meter über der Hase. Der Fluss berührt die Befestigung heute nur noch im Südosten, doch ursprünglich umfloss sie die Anlage auf drei Seiten; nur der Norden blieb frei. Im Norden, Westen und Nordosten ist die Anlage durch einen Wall mit Außengraben befestigt, auf den anderen Seiten ist die Umwehrung möglicherweise von der Hase abgeschwemmt worden. Die Ost-West-Ausdehnung beträgt 300 bis 325 Meter, die Nord-Süd-Ausdehnung 260 bis 320 Meter. Die 7 Meter breiten Wälle sind bis zu 1,80 Meter hoch erhalten. Auf der Westseite befindet sich ein Zangentor, bei dem der Wall anscheinend holzverkleidet war. Eine hölzerne Frontversteifung des aus aufgeschichteten Heideplaggen bestehenden Walls dürfte aber auf der ganzen Länge bestanden haben. Die aufgeschüttete Berme (Absatz) zwischen Wall und Graben war mit 8 Metern ungewöhnlich breit. Vorgelagert war ein Spitzgraben von 4,50 Metern Breite und 2,50 Metern Tiefe. Die Burganlage ist 1891 und 1915 archäologisch untersucht worden. Aufgrund von Keramikfunden (grobe, schwarzbraune Ware) und vom Typus her wird die Anlage in das frühe bis hohe Mittelalter datiert. Von daher könnte zeitlich ein Zusammenhang mit den sogenannten Sachsenkriegen und dem Herzog Widukind in Zusammenhang stehen. Hat also Widukind hier bei Bokeloh an der Hase eine Befestigung besessen, die in den über 30 Jahre dauernden Auseinandersetzungen zwischen 772 und 804 eine Rolle spielte? Haben hier kriegerische Handlungen zwischen Franken und Sachsen stattgefunden? Zwei Beobachtungen lassen an dieser Annahme zweifeln. Zum einen die überlieferte Form Wedekenborg. Im ersten Teil dieser Zusammensetzung steht zwar ein Rufname, aber dieser sieht nur so ähnlich aus wie Widukind. Es ist vielmehr der schwach beugende Vorname Widuko > Wedeke anzusetzen, der zwar ähnlich gebildet, aber nicht identisch mit Widukind ist, der zudem stark gebeugt wird. So müsste die Burg in diesem Fall *Widukindesborg geheißen haben. Zum anderen ist die Bezeichnung als „König“ bemerkenswert. In den zeitgenössischen Quellen des 8. und frühen 9. Jahrhunderts wird Widukind nur mit dem lateinischen Begriff dux gekennzeichnet. Diesen kann man mit Anführer oder „Herzog“ (im ursprünglichen Wortsinn als Heerführer, derjenige, der ein Heer „zieht“) übersetzen. Zum „König“ wird Widukind erst beim Geschichtsschreiber Thietmar von Merseburg in dessen zwischen 1012 und 1018 entstandenen Chronik und volksnah wird sein Mythos dann im 12. Jahrhundert.

Dass nicht alle späteren Wittekindsburgen o.ä. auf den Sachsenanführer Widukind zurückgehen, zeigt das Beispiel der Wittekindsburg in der Nähe eines „Frankensundern“ bei Schleptrup (Bramsche, Landkreis Osnabrück), deren Entstehung archäologisch erst in das 13. bis 15. Jahrhundert erwähnt wird. Gleiches gilt für die mit Widukind in Verbindung gebrachte Befestigung in Schagen bei Bramsche (Landkreis Osnabrück), die ebenfalls erst im 12. Jahrhundert entstanden ist, sowie in Bruchmühlen bei Melle.

Somit wissen wir nur, dass die Wekenborg nach einer Person namens Wedeke benannt worden ist. Ob sie etwas mit der historisch belegenten Anführer (dux) Widukind und dem Kampf der Sachsen gegen die Franken zu tun gehabt hat, hüllt sich ins Dunkel der Geschichte, ist aber nach heutigen Erkenntnissen eher unwahrscheinlich.

Rezeptionsgeschichtlich interessant ist aber vielmehr, dass spätestens im 15. Jahrhundert der Name der Befestigung mit der mythischen Figur des „Königs“ Widukind/Wittekind in Zusammenhang gebracht wurde. Hier stiftete man also Erinnerung an ein lang zurückliegendes historisches Ereignis. Der Namenbeleg von 1444 „die Konick Wedekenborg“ ist also weniger ein Nachweis für die Sachsenkriege des ausgehenden 8. Jahrhunderts als vielmehr Ausdruck des Widukind-Mythos des ausgehenden Mittelalters in der Region. Damals kannten somit auch die Menschen im Emsland die Sagen und Geschichten vom „König“ Widukind/Wittekind, die von mittelalterlichen Geschichtsschreibern erdacht und ausgeschmückt wurden und die letztlich sehr populär geworden sind.

Literatur

  • EBIDAT – Die Burgendatenbank – Datenbank des Europäischen Burgeninstitutes (www.ebidat.de)
  • Claudia Maria Korsmeier, Die Ortsnamen des Landkreises Emsland, Münster 2026, S. 409f.
  • Christof Spannhoff, Widukind, in: Westfälische Erinnerungsorte, hrsg. v. Lena Krull, 2. Aufl., Paderborn u.a. 2017 (Forschungen zur Regionalgeschichte 80), S. 31–46.