Eine Quelle zur Entwicklung des Stereotyps des Emsländers von 1883
Im Jahr 1883 erschient der dritte Band des Kompendiums „Bäuerliche Zustände in Deutschland“. In diesem schildert Dr. jur. Felix Hülsermann, Herzoglich-Arenbergischer Domänen-Inspector zu Meppen, die Verhältnisse im Emsland. Unter anderem geht er auch auf die Emsländinnen und Emsländer selbst ein:
„Die Emsländer gehören, wie bereits angedeutet, zu den Westfalen und theilen alle bekannten Eigenschaften und Besonderheiten dieses Zweiges des niedersächsischen Stammes. Vor ihren Landsleuten im vormaligen Oberstift Münster haben die niedersächsischen Emsländer indessen eine größere Beweglichkeit und Lebendigkeit voraus, wie sie im Verkehr auch wohl höflicher und als rechte Heidebauern auch fröhlichen Sinnes sind. Ausnahmslos katholischen Bekenntnisses zeichnet sie eine echte wohlwollende Religiosität und insbesondere eine große Wohlthätigkeit aus. Die Geistlichkeit steht selbstredend in hohem Ansehen, allein keineswegs so, daß sie die Autorität der staatlichen Organe auch nur im mindesten beeinträchtigen könnte, vorausgesetzt, daß sie solches überhaupt wollte. Wer jemals eine Emsländische Amtsversammlung besucht hat, kann Zeugniß geben von der Intelligenz der Bevölkerung, von ihrem Verständniß der eigenen Interessen sowohl, wie von ihrem gesetzlichen Sinn, welchem die Achtung vor besserer Einsicht und Kenntniß des Beamten zur Seite geht. In den Gemeinden herrscht in der Regel bestes Einvernehmen, Zwietracht und Störenfriede sind seltene Ausnahmen.
Seine Wirthschaft führt der emsländische Bauer mit seiner Familie, erwachsenen Kindern oder Geschwistern, so fern solche als abgehende Kinder gegen die Verpflichtung zu Hauses Besten zu arbeiten, auf dem Erbe verblieben sind. Das Recht dazu wird gegen die genannte Verpflichtung im Emslande, wie in ganz Westfalen in jedem Ueberlassungscontract verbrieft. Nur so weit die Kräfte der Familie nicht zureichen, pflegt der emsländische Bauer für Hausarbeit, Viehwartung u. s. w. Gesinde zu haben, da ihm in allem Uebrigen die Kräfte seiner Heuerleute zur Verfügung stehen. Letztere, welche wie bekannt, im westfälischen Bauernleben eine ständige Erscheinung bilden, erhalten von ihrem Bauern Wohnung, meist in unmittelbarer Umgebung des Erbhauses und Grundstücke gegen die Verpflichtung zur Arbeitshülfe, selten auch noch gegen einen geringen Zins zur Nutzung. Ihre Lage, die anderswo, u. A. in Theilen des Osnabrück’schen oft nur recht traurige Bilder bietet, ist in unserm Lande immerhin noch erträglich zu nennen, da hier die gute Sitte ihr noch einen patriarchalischen Charakter gewahrt hat. Processe zwischen den Bauern und Heuerleuten bilden die sehr seltene Ausnahme, und ebenso, wie der Bauer in Tagen eigener Noth den Beistand der Heuerleute begehrt, so verläßt er auch sie nicht in Krankheit und schwerer Zeit. Regelmäßig wird auch den Heuerleuten, wenn sie es wollen, zur Zeit des Grasmähens das Hollandgehen erlaubt, damit sie sich ein Stück baren Geldes verdienen. Ob aber eben dieses in der That als Gewinn angesehen werden kann, mag bei Justus Möser in den patriotischen Phantasien nachgelesen werden.
Die Sitten der Emsländer sind rein, ihre Lebensweise ist eine einfache und nüchterne. Was der Bauer von seinen Früchten zu Gelde machen kann, braucht er nicht selbst, was er in Haus und Hof an Geräthen, Zäunen u. s. w. selbst machen kann, überläßt er nicht dem Handwerker. Unter den Nahrungsmitteln spielen eine Hauptrolle das bekannte schwarze Roggenbrod, der Pumpernickel, der Buchweizen, Pfannkuchen, Kartoffeln, Gerstengrütze, Speck und getrocknetes oder gepökeltes Fleisch. Tägliches Getränk ist der Kaffee, den kein Emsländer gern entbehrt. Trunkenheit ist eine relativ seltene Erscheinung, Hochzeiten, Kirmessen, Jahrmärkte u. dgl. aber werden fröhlich begangen. In der bereits beschriebenen Ackerwirthschaft bilden Pferde als Bespannung die Regel, nur Heuerleute und kleine bedienen sich der Kühe. Einen regelmäßigen Nebenerwerb bildet überall die unseres Wissens in keinem Aufschwung begriffene Zucht der Schweine, vielfach an der Ems auch die der Pferde, über deren jetzigen Stand uns jedoch nichts vorliegt. Flachsbau und Spinnerei für den Hausbedarf wird ebenfalls noch getrieben, in geringem Grade aber nur noch die Verarbeitung der Heidschnuckenwolle zu dem festen, warm haltenden Bekleidungsstoff, Woll-Laken genannt. Die früher blühende Strumpfstrickerei auf dem Hümmling hat fast ganz aufgehört, seitdem es Regel geworden, die Wolle der Heidschnucken selbst zu verkaufen.“
