Lingener Geschichte im Bild (88)

Um das Thema der Atomkraft geht es in der aktuellen Folge der Geschichtsserie von Emslandmuseum und EL-Kurier. Denn seit den 60er-Jahren war Lingen Standort von zwei Kernkraftwerken: das Kernkraftwerk Lingen, das 1968 in Betrieb ging, und das Kernkraftwerk Emsland, das von 1988 bis zu seiner Abschaltung am 15. April 2023 Strom produzierte.

Schon in den 50er-Jahren erwarb der westfälische Elektrizitätsversorger VEW in der Gemeinde Darme an Ems und Kanal Grundflächen für einen möglichen Kraftwerkstandort. Beim Auflegen des deutschen Atomprogramms wollte die VEW den Anschluss nicht verpassen und errichtete daher ab 1962 in Darme das Atomkraftwerk Lingen, das 1968 in Betrieb ging.

Bedenken gegen den Betrieb eines Atomkraftwerkes gab es in den 60er-Jahren weder in der Politik noch in der Öffentlichkeit. Auch aus der Wissenschaft gab zunächst es wenig Bedenken. Die Anlagen galten als sicher und alle freuten sich auf den preiswerten Atomstrom.
Auch hinsichtlich einer späteren Endlagerung war man unbesorgt, denn geplant war ja eine kontinuierliche Wiederaufbereitung der Brennstäbe. Man ging davon aus, dass am Ende nur relativ wenig hochradioaktiver Restbestand anfallen werde.

Das Atomkraftwerk Lingen hatte eine technische Besonderheit, denn hier waren Atomtechnik und konventionelle Technik kombiniert. Die Anlage bestand aus einem nuklearen Teil mit einem Siedewasserreaktor und wurde ergänzt durch einen sogenannten Überhitzer, der mit schwerem Heizöl befeuert wurde.

In beiden Teilen kam es baubedingt zu technischen Störungen und häufigen Betriebsunterbrechungen. Bald stellte sich heraus, dass ein langfristiger Betrieb ohne größere Umbauten nicht möglich war. Diese waren aber technisch schwierig und nicht wirtschaftlich. 1977 beschloss die VEW zunächst vorläufig und 1979 dann endgültig, das Atomkraftwerk Lingen abzuschalten.

Zur Stromerzeugung hatte die VEW neben dem Kernkraftwerk 1974 ein Gaskraftwerk mit mehreren Blöcken errichtet. Es wurde anfangs mit preiswertem Erdgas aus den Niederlanden betrieben und versorgte gleichzeitig die Faserwerke im Industriepark Süd mit Wärme. Wegen der steigenden Gaspreise entschied sich die VEW Anfang der 80er-Jahre für den Bau eines neuen Atomkraftwerkes. Da in ihrem Hauptversorgungsgebiet in Westfalen zu diesem Zeitpunkt ein Kernkraftwerk politisch kaum noch durchsetzbar war, kam das niedersächsische Lingen als Standort ins Spiel. Ab 1982 errichtete die Firma Siemens für die VEW im Industriepark Süd das Kernkraftwerk Emsland, einen Druckwasserreaktor moderner Bauart mit hohem Sicherheitsstandard. Dieser wurde nach über 35 Jahren betrieb dann im Frühjahr 2023 abgeschaltet.