Stadtarchäologe Dieter Lammers über einen außergewöhnlichen Fund in Lingen-Bramsche
Was verbirgt sich unter unseren Füßen? Manchmal genügt ein geplantes Neubaugebiet, um ein Fenster in eine fast 2000 Jahre zurückliegende Vergangenheit zu öffnen. In Lingen-Bramsche ist genau das geschehen: Bei archäologischen Untersuchungen kamen 1163 Funde ans Licht – darunter römische Keramik. Für den Lingener Stadtarchäologen Dr. Dieter Lammers ist der Fundkomplex in dieser Größenordnung bislang einmalig im Emsland.

Eigentlich sollte dort gebaut werden. Doch bevor auf dem rund einen Hektar großen Gelände in Lingen-Bramsche ein neues Wohngebiet entstehen kann, bekam zunächst die Archäologie ihre Chance. Eine Fachfirma untersuchte die Fläche – und förderte innerhalb eines Jahres nicht weniger als 1163 archäologische Funde zutage. Eine Zahl, die aufhorchen lässt: „Vergleichbar große Funde gibt es im Emsland bislang nicht“, sagt Dr. Lammers.
Römische Keramik in Lingen
Besonders ins Auge fällt ein Keramikgefäß aus römischer Zeit. Die Mehrzahl der geborgenen Funde stammt nach Einschätzung von Dieter Lammers aus der Zeit um Christi Geburt. Doch nicht nur einzelne Gegenstände haben sich im Boden erhalten: Die Archäologen konnten auch Grabstätten und Spuren einer Siedlung nachweisen. Damit erzählen die Funde von Menschen, die hier lebten, arbeiteten und ihre Toten bestatteten – in einer Epoche, in der das heutige Emsland weit außerhalb der römischen Provinzen lag und dennoch keineswegs von der römischen Welt abgeschnitten war.
Und genau hier beginnt die eigentlich spannende Frage: Was macht römische Keramik in Lingen? Waren die Römer also in Bramsche? So verlockend die Vorstellung auch ist: Die Funde sind kein Beweis dafür, dass vor rund 2000 Jahren römische Soldaten oder Siedler an dieser Stelle lebten. Dr. Lammers mahnt deshalb zur wissenschaftlichen Vorsicht. Römische Gegenstände konnten auf ganz unterschiedlichen Wegen in germanische Gebiete gelangen. Sie wurden gehandelt, verschenkt, getauscht – oder als Beute mitgebracht. Auch das in Bramsche entdeckte Gefäß könnte auf diese Weise seinen Weg ins heutige Emsland gefunden haben.
Gerade diese Ungewissheit macht den Fund so interessant. Denn Archäologie liefert selten fertige Geschichten. Sie liefert Spuren – und die Aufgabe der Forschung besteht darin, aus diesen Spuren möglichst sorgfältig zu rekonstruieren, was vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden geschehen sein könnte.
Ein Fundplatz mit vielen Geschichten
Die 1163 Fundstücke sind deshalb weit mehr als eine beeindruckende Zahl. Zusammen mit den Siedlungsspuren und Gräbern eröffnen sie neue Möglichkeiten, das Leben der Menschen im südlichen Emsland um Christi Geburt zu erforschen: Welche Kontakte bestanden über größere Entfernungen? Welche Gegenstände wurden gehandelt? Was galt als wertvoll? Und welche Beziehungen gab es zwischen den Menschen im Emsland und der römischen Welt?
Bis solche Fragen beantwortet werden können, ist noch viel Arbeit nötig. Funde müssen gereinigt, bestimmt, datiert und miteinander in Beziehung gesetzt werden. Erst danach lässt sich das archäologische Puzzle Stück für Stück zusammensetzen. Für Dr. Dieter Lammers gehört genau das zum Reiz seiner Arbeit als Stadtarchäologe: Der Boden unter einer modernen Stadt ist zugleich ein Archiv – eines, das manchmal überraschend neue Kapitel der eigenen Geschichte preisgibt.
Archäologie beginnt oft vor dem Bagger
Der Fund von Bramsche zeigt außerdem, warum archäologische Untersuchungen im Vorfeld von Bauvorhaben so wichtig sind. Wo heute Straßen, Häuser und Gärten entstehen, können sich über Jahrhunderte hinweg Spuren früherer Generationen erhalten haben. Werden sie rechtzeitig erkannt und dokumentiert, bleiben ihre Geschichten zumindest wissenschaftlich bewahrt.
In Bramsche hat sich dieser Blick in den Boden besonders gelohnt. 1163 Funde, Gräber, Siedlungsspuren und ein römisches Keramikgefäß: Aus einem zukünftigen Neubaugebiet ist für einen Moment ein Fenster in die Zeit um Christi Geburt geworden. Und vielleicht ist das die schönste Erkenntnis dieses außergewöhnlichen Fundes: Die große Geschichte muss nicht weit entfernt gesucht werden. Manchmal liegt sie direkt unter unseren Füßen.
Mehr zum Fund
Auch die regionalen Medien berichten über die Ausgrabungen in Lingen-Bramsche. Einen Videobeitrag gibt es bei emsTV. Außerdem berichtet die Tagesschau/NDR über den außergewöhnlichen Fundkomplex: