Kanonendonner, Triumphbogen und Freibier im Januar 1746
Wer Anfang Januar 1746 durch Lingen gegangen wäre, hätte die Stadt kaum im gewöhnlichen Alltag erlebt. Glocken läuteten, Kanonen wurden abgefeuert, Bürger marschierten mit geschmückten Hüten über den Marktplatz, Studenten zogen in Prozession durch die Straßen. Vor dem Rathaus stand ein Triumphbogen, abends war die Stadt illuminiert. Sogar ein Kurier wurde eigens inszeniert, der die Nachricht vom Frieden nach Lingen brachte.

Anlass für dieses mehrtägige Spektakel war das Ende des Zweiten Schlesischen Krieges. Am 25. Dezember 1745 war in Dresden Frieden geschlossen worden. Für Lingen war das keine Nachricht aus einer fernen politischen Welt. Die Stadt gehörte damals zum Königreich Preußen: Nach dem Tod Wilhelms III. von Oranien hatte der preußische König 1702 die Grafschaft Lingen in Besitz genommen. Im 18. Jahrhundert war Lingen zudem Verwaltungsmittelpunkt der mit Preußen verbundenen Grafschaften Lingen und Tecklenburg.
Der preußische König Friedrich II. – später „der Große“ genannt – war also auch der Landesherr der Lingener. Und genau das wird in der Beschreibung der Friedensfeiern sichtbar: Was in Dresden auf höchster europäischer Ebene ausgehandelt worden war, wurde in Lingen in ein öffentliches Fest für die ganze Stadt übersetzt.
Die Nachricht erreicht Lingen
Der Bericht setzt am 1. Januar 1746 ein. An diesem Tag erhielt der Hofrat und Oberbürgermeister Lüning die Nachricht, dass der König glücklich nach Berlin zurückgekehrt und Frieden geschlossen worden sei. Lüning ließ sofort die Mitglieder des Magistrats zusammenrufen. Das Schreiben aus Berlin wurde verlesen und anschließend auch an die Familie von der Horst und weitere vornehme Einwohner weitergegeben. Die Nachricht verbreitete sich also zunächst über die Männer der städtischen und landesherrlichen Führungsschicht. Auch deren Frauen treten in der Quelle hervor. Die Freifrau von der Horst versammelte Frauen der Stadt bei sich. Nach den üblichen Neujahrswünschen wurde Gott für den Frieden gedankt; mittags folgte ein großes Essen und anschließend ein Ball, der bis spät in die Nacht dauerte.

Ein offizielles Friedensfest
Am 8. Januar traf schließlich ein königliches Reskript ein. In allen Kirchen der miteinander verbundenen Grafschaften Lingen und Tecklenburg sollte ein offizielles „Sieges- und Friedens-Danck-Fest“ gefeiert werden. Wegen der kurzen Vorbereitungszeit wurde es in Lingen auf den 16. Januar verschoben. Zwei Tage später wurde es noch feierlicher: Der 18. Januar war der preußische Krönungstag. Schon morgens zwischen sechs und sieben Uhr läuteten sämtliche Glocken. Dann traten auf dem Marktplatz die beiden Lingener Bürgerkompanien an. Ihre Offiziere erschienen in militärischer Kleidung, die übrigen Bürger hatten ihre Hüte mit „Sieges- und Friedens-Zeichen“ geschmückt. Währenddessen versammelte sich der Magistrat im Rathaus. Dort wurden Offiziere und Honoratioren mit Kaffee und Konfekt bewirtet. Im Anschluss begann ein regelrechtes Schauspiel: Hofrat Lüning und der Oberjäger- und Postmeister Bauer hatten eine besondere Aufführung vorbereitet. Bauers Sohn sollte einen königlichen Kurier darstellen. Mit sechs Postillionen wartete er zunächst außerhalb der Stadt. Ein Kanonenschuss gab das Signal. Daraufhin zog der vermeintliche Kurier mit seinen blasenden Postillionen durch Lingen zum Rathaus. Er brachte einen großen, mit einem Siegel versehenen Brief. Die Ankunft der Friedensnachricht wurde dadurch noch einmal nachgespielt. Lüning kam aus dem Rathaus, nahm den Brief entgegen und bestieg ein mit Teppichen geschmücktes Gerüst. Vor königlichen Beamten, Professoren, Studenten und Bürgern verkündete er öffentlich den Frieden und hielt eine Rede. Anschließend trat er vor das Rathaus. Dort hatte sich das Stadtbild ebenfalls verwandelt. Vor dem Rathaus war ein Triumphbogen aufgebaut worden, geschmückt mit Lorbeer, Blumen und Kränzen. Hier kommandierte Lüning die Bürgerkompanien. Dreimal erscholl: „Vivat Friederich der Grosse!“ Danach marschierten die Bürger unter Musik und mit wehenden Fahnen weiter zum Haus des Geheimen Oberfinanzrats und Commissaire en Chef von der Horst. Dort feuerten sie eine dreifache Salve ab. Anschließend ging es zum Platz an der Kreuzkirche.
Dass Professoren und Studenten in der Quelle immer wieder auftreten, erinnert daran, dass Lingen damals Hochschulstadt war. Die 1697 gegründete Hohe Schule prägte das geistige Leben der Stadt; Studenten und Professoren kamen lange Zeit vielfach aus den Niederlanden.
Professoren und Studenten ziehen durch Lingen
Nun formierte sich eine weitere Prozession. Die Kuratoren der Akademie, der Rektor, Professoren und Studenten gingen zum Haus der Familie von der Horst, um den Freiherrn abzuholen und gemeinsam mit ihm durch die Stadt zur evangelisch-lutherischen Kirche zu ziehen. Als die Akademie dort eintraf, präsentierte die aufgestellte Bürgerschaft das Gewehr. Die Kanonen feuerten. Es folgte ein Konzert. Der Regierungsrat und Landsekretär Hanau sang dabei sogar selbst eine von ihm komponierte Arie. Anschließend hielt Freiherr von der Horst eine politische Festrede. Darin pries er die preußischen Ansprüche auf Schlesien, die Siege der königlichen Armee, Friedrichs Tapferkeit und Weisheit und schließlich den errungenen Frieden. Das Friedensfest war damit zugleich unverkennbar preußische Herrschaftsinszenierung.
Nach der Rede wurden die Mitglieder der Akademie im Haus der Familie von der Horst bewirtet. Am Abend erstrahlte schließlich die ganze Stadt. Auf der Galerie des Rathauses wurde für die Bevölkerung sogar ein großes Fass Wein bereitgestellt. Vor dem Rathaus stand eine große beleuchtete Festarchitektur mit einem lebensgroßen preußischen Adler und vergoldeten Insignien. In ihren Fenstern waren zehn allegorische Darstellungen angebracht. Zu sehen waren unter anderem Friedrich II. zu Pferde mit Sieges- und Friedenspalmen, Atlas mit der Weltkugel, ein gekrönter Löwe mit Säbel und der preußische Adler. Dazu kamen lateinische Sinnsprüche und Verse.
Ein deutscher Vierzeiler brachte die Botschaft besonders deutlich auf den Punkt:
Grosser König Fridrich, deine Thaten
Sind GOtt Lob ausnehmend wohl gerathen.
Es erkennt die ganze Welt
Daß du seyest ein grosser Held.

Doch damit war das Fest noch lange nicht beendet. Am 19. Januar veranstalteten die Studenten der Akademie eine eigene Feier. Der Theologiestudent Meiling hielt vor Kuratoren und Professoren eine Rede über den Frieden. Am selben Tag geschah etwas besonders Interessantes: Die Kinder der Stadt wurden paarweise durch Lingen zum Rathaus geführt. Die kleinsten Kinder, die noch nicht laufen konnten, wurden getragen. Am Rathaus bekamen sie eine Mahlzeit. Der Verfasser erklärt ausdrücklich den Zweck: Auch die Kinder sollten an der „allgemeinen Freude“ teilnehmen.
Am 20. Januar waren schließlich die Bürgersöhne an der Reihe. Sie veranstalteten ein eigenes Freudenfest, marschierten als Kompanie zum Haus von der Horst und feuerten dort eine dreifache Salve ab.
Am 26. Januar veranstaltete der Rektor der Lingener Schule, Stosch, einen besonderen Festakt. Drei Schüler – in der Quelle als Wissckens, Heschusius und Sparenberg bezeichnet – hielten eigene Reden. Und selbst damit waren die Feierlichkeiten noch nicht beendet. Einige Doktoren, Advokaten und Prokuratoren schmückten das Rathaus mit Sinnbildern, Devisen und zahlreichen Lichtern. Den Abschluss bildeten erneut ein großes Essen, ein Konzert und ein Ball.
Aus einer Nachricht, die am 1. Januar Lingen erreicht hatte, war damit eine mehrwöchige Folge öffentlicher Feiern geworden.
Der Bericht zeigt anschaulich, wie Herrschaft im 18. Jahrhundert sichtbar gemacht wurde. Ein Frieden existierte für die Menschen nicht nur auf einem unterschriebenen Papier. Er musste verkündet, gehört, gesehen und gefeiert werden: durch Glockengeläut und Kanonenschüsse, Fahnen und Uniformen, Predigten und Reden, Musik und Prozessionen, Lichter, Wein, Essen und Tanz. Der Frieden wurde inszeniert.