1969 bis 1974: Gebietsreform oder Eingemeindung?

Lingener Geschichte im Bild (89)

Unterzeichnung der Verträge zur Gebietsreform 1974

Im Jahre 1974 regelte ein Gesetz die endgültige Neugliederung der Gemeinden im Raum Lingen. Zahlreiche bis dahin selbständige Nachbargemeinden wurden Ortsteile der Stadt. Doch nicht überall traf diese gesetzliche Regelung auf Zustimmung. Darüber berichtet die heutige Folge der Geschichtsserie von Emslandmuseum und EL-Kurier.

Bürgerversammlung gegen die Gebietsreform 1973 in Lohne

1968 gründete die Stadt eine „Arbeitsgemeinschaft Lingen-Umland“ als Kontaktgruppe zu den Umlandgemeinden. Bereits im Jahr darauf schlossen sich die bis dahin selbständigen Gemeinden Darme und Laxten-Brockhausen auf freiwilliger Basis der Stadt Lingen an. Anstelle der bisherigen Gemeinderäte bildete man neue Ortsräte, um so ein gewisses Maß an Eigenverwaltung zu garantieren. Am 1.1.1970 trat dieser „Zusammenschluss“ in Kraft. Damit hatte die Stadt ihre Einwohnerzahl und vor allem ihre Fläche wesentlich vergrößert. Auf den weitläufigen Flächen in Darme konnte die Ansiedlung des Industrieparks Süd beginnen.

1971 folgenden weitere Anschlüsse an Lingen. Die Gemeinde Bramsche, die sich erst kurz zuvor aus dem Kleinstgemeinden Bramsche-Wesel, Estringen, Hüvede-Sommeringen und Mundersum gebildet hatte, trat ebenso der Stadt Lingen bei wie die Gemeinde Baccum, gebildet aus den früheren Kleinstgemeinden Ramsel, Baccum und Münnigbüren.

Bereits 1969 hatten sich Vertreter der Gemeinden Holthausen, Biene, Brögbern, Bawinkel, Clusorth-Bramhar, Plankort, Duisenburg und Altenlingen getroffen und den Plan eines Zusammenschlusses geschmiedet, um sich so die Steuereinnahmen aus der Erdölraffinerie zu sichern. Die Bildung dieser „Großgemeinde Holthausen“ oder auch „Nordgemeinde“ wurde vom Landkreis Lingen unterstützt.

Demonstration gegen die Gebietsreform in Schepsdorf 1973

Die Landesregierung legte 1971 ihr Gutachten über den „Schwerpunktraum Lingen“ vor, das eine weitere Ausweitung der Stadt Lingen befürwortete. Widerstand regte sich nicht nur in der „Nordgemeinde“, sondern auch in Schepsdorf-Lohne. Diese Gemeinde sollte nämlich geteilt werden: Schepsdorf war als Ortsteil von Lingen vorgesehen und Lohne sollte sich mit dem verfeindeten Nachbarort Wietmarschen zusammenschließen. Die Einwohner von Schepsdorf-Lohne lehnten diese Aufteilung ihrer Gemeinde strikt ab.

Aufbruch des Protestzuges an der Kirche in Schepsdorf 1973

Ein Jahr darauf wurde der Referentenentwurf des Innenministeriums über den Raum Lingen-Grafschaft Bentheim vorgelegt. Er sah vor, dass Altenlingen, Brögbern, Clusorth-Bramhar, Holthausen-Biene und Schepsdorf zu Lingen kommen sollten. Der Protest in den betroffenen Gemeinden brach aus. Besonders in Schepsdorf-Lohne.

Starke Toback bei bei Protestdemonstration in Lohne 1973

Es kam zu einer Großdemonstration mit über zweitausend Teilnehmern, die zeitweise sogar den Durchgangsverkehr auf der vielbefahrenen Bundesstraße zwischen Lingen und Nordhorn sperrten. Doch auch der erbitterte Widerstand blieb vergeblich. Am 3. Juli 1973 trat das Gesetz über die Neuordnung der Gemeinden in Kraft. Im Kreis Lingen waren jetzt nur noch sechs Gemeinden und die Stadt Lingen vorgesehen.

Bürgermeister Klukkert verkündet 1974 die Unterzeicznung der Verträge

Am 1. März 1974 trat die Gemeindereform in Kraft. Die Stadt Lingen hatte ihre Einwohnerzahl von ca. 34.400 um etwa ein Drittel auf 46.550 Einwohner vergrößert. Noch deutlicher war der Zugewinn an Fläche. Von rund 4.000 Hektar hatte sich Lingen auf etwa 16.000 Hektar flächenmäßig fast vervierfacht. Damit war die weitere Entwicklung von Wohngebieten, Gewerbeflächen und Industrieansiedlungen möglich in Lingen wieder möglich.