Ein indigenes Kulturobjekt aus Papua-Neuguinea im Emslandmuseum Lingen.
Von Moritz Terwei
Das Emslandmuseum Lingen erhält regelmäßig Schenkungen aus privater Hand. Kürzlich wurde uns ein Objekt übergeben, dazu ein schriftlicher Vermerk, dass es sich um ein „Gerät zur Ackerbearbeitung“ handeln würde. Das Objekt sei vom seinerzeitigen Vorsitzenden des Kirchenvorstandes der Lutherkirchengemeinde Leer und Superintendenten Dirk Koller (Amtszeit 1977–1983) aus der „Südsee mitgebracht“ worden. Koller, der möglicherweise für die dortige Missionsstationen zuständig war, habe es dann seinem Sohn vermacht, der die Bitte äußerte, es in „geeignete Hände“ zu geben.

Das dem Museum übergebene Stück: eine Axt mit Steinklinge und Flechtwerk. Foto: Emslandmuseum Lingen.
Schauen wir uns das Objekt etwas genauer an: Der Stiel besteht aus einem glatten, leicht zulaufenden Holzstab. Das ‚obere Ende‘ der Axt ist von Flechtwerk aus Pflanzenfasern umgeben und stellt mit seiner ‚flossenartigen‘ bzw. ‚halbmondförmigen‘ Ausformung ein Gegengewicht zur flachpolierten Steinklinge dar, die sich am gegenüberliegenden Ende befindet. Das zweifarbige Flechtwerk weist geometrische Muster auf, darunter Dreiecke, Rauten und diagonale Linien. Die Klinge ist zudem bereits an einigen Stellen abgesplittert.

Absplitterungen an der Steinklinge. Foto: Emslandmuseum Lingen.
Das Aussehen und die Materialität des Objektes deuten darauf hin, dass es sich hierbei höchstwahrscheinlich um eine sogenannte ‚Mount Hagen axe‘ handelt. Seinen Namen hat das Objekt von der Region, aus der es stammt: Mount Hagen. Genauer gesagt stammt die Axt vermutlich aus der Region um Mount Hagen, ein Hochplateau im westlichen Hochland von Papua-Neuguinea. Dazu zählen neben Mount Hagen u.a. das Wahgi Valley, Jimi Valley und die Kaironk Valleys. In diesen Regionen werden Chimbu-Wahgi-Sprachen gesprochen. Die Steinklingen, die für die Äxte verwendet wurden, stammen aus Steinbrüchen der Regionen Jimi, Wahgi und Asaro. Erstmals während einer Expedition durch das Wahgi Valley sahen im April 1933 die Australier Michael Leahy (1901–1979), Daniel Joseph Leahy (1912–1991) und Jim Taylor (1901–1987) die ‚Mount Hagen axes‘ als sie auf die dort lebenden Indigenen stießen. Entsprechend werden die Äxte in der Literatur nach ihrer ersten Entdeckung als „Hagenbeile“ bzw. „Hagen axes“ benannt. Nach Heinz Christian Dosedla und Marilyn Strathern wird der Gegenstand bspw. bei den Melpa- und Temboka-sprechenden Bevölkerungsgruppen als ruiwanuna oder mepa anda rui, wörtlich „Beil, das man zum Spazierengehen trägt“ (übers. von Dosedla, S. 93), bei den Kaman sprechenden Chimbu als kenduaubu oder di kurugu bezeichnet.

Laufende Vorbereitungen für die Expedition nach Mount Hagen bzw. ins Wahgi Valley. Im Hintergrund ist das Flugzeug ‚Canberra‘ zu sehen, fotografiert von Michael Leahy 1933. Foto: Michael Leahy. Quelle: National Library of Australia / Wikimedia Commons, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19406022, Public Domain.

Begegnung zwischen Expeditionsmitgliedern und Angehörigen der Wahgi. Am linken Bildrand ist Daniel Leahy zu sehen, mittig rechts Jim Taylor. Foto: National Library of Australia, https://nla.gov.au/nla.obj-149614362, PIC/8691/64 LOC Album 1050/1, 1933, Public Domain.
Bei der Axt handelt es sich in erster Linie um einen zeremoniellen Gegenstand. Bei den Mbowamb und bei den Ost-Kewa soll sie nach Heinz Christian Dosedla auch als Nahkampfwaffe gedient haben und vereinzelt als Werkzeug zur Bearbeitung von Holz benutzt worden sein. Steine werden nicht als leblose Materie, sondern als im Inneren der Erde wachsende Einheiten angesehen. Ihnen wird folglich eine vermittelnde Funktion ‚magischer‘ Kraft zugeschrieben. In diesem Kontext wurden die ‚Mount Hagen axes‘ mit ihren Steinklingen als Träger und Vermittler ‚magischer Energie‘ bei zeremoniellen Anlässen und Ritualen wie Tanzfesten getragen. Ebenfalls werden bei rituellen Anlässen verschiedenste Kultgegenstände mit Fett eingerieben, das ebenso als mächtiger, vitaler und fruchtbarer Stoff angesehen wird. Bei einigen indigenen Gruppen aus dem Gebiet des Hagengebirges spielten diese ‚Zeremonialbeile‘ in gewissem Maße auch bei Brautpreiszahlungen eine Rolle, so Dosedla. Ebenfalls als Zahlungsmittel dienten die ‚Hagen axes‘ außerhalb der Mount Hagen-Region, um bspw. Waren wie Salz und Kaurischneckenhäuser zu erwerben. Bereits in den 1950er und 1960er Jahren dominierten Perlmuscheln als Wert- bzw. Tauschgegenstände. Die ‚Mount Hagen axe‘ ist heute ein identitätsstiftendes und nationales Symbol der traditionellen materiellen Kultur Papua-Neuguineas und ziert so die 2-Kina-Banknote der Zentralbank von Papua-Neuguinea. Auf dem Geldschein ist neben einem Kula-Armband, gravierten Hundezähnen und einem Tontopf aus der Region des Sepik-Flusses die ‚Hagen axe‘ abgebildet.

Die ‚Mount Hagen axe‘ auf der Rückseite der 2-Kina-Banknote der Bank of New Guinea, die zwischen 2017 und 2023 herausgegeben wurde. Foto: hex7ech, https://numista.com/224564, CC BY-NC 4.0.
Bereits Ende der 1950er Jahre wurden von der Bevölkerung erste Nachahmungen der zeremoniellen ‚Mount Hagen axes‘ für den Tourismus aus Schiefergestein hergestellt. Der Verkauf erfolgte überwiegend über eine eigene Genossenschaft. Diese Nachahmungen wurden jedoch nicht nur von Touristen, sondern auch von der indigenen Bevölkerung als Ersatz für die selten gewordenen, traditionellen bzw. alten ‚Zeremonialbeile‘ erworben, vereinzelt selbst hergestellt und bei festlichen Anlässen verwendet.

Schwer erkennbare Aufnahme von der Herstellung der sog. ‚Mount Hagen axe‘. Foto: Vellacott-Jones, Kathleen, Demonstration of Mount Hagen axe making at Mount Hagen Show, 1963. Kathleen Vellacott-Jones Collection, UQFL133, Album 1, slide 6-40 [vom Verf. bearbeitet].
Auf einem 1963 vermutlich nachts geschossenen Foto von der britisch-kanadischen Fotografin und Journalistin Kathleen Vellacott-Jones (1907–1972) sind mehrere indigene Personen zu sehen, die die ‚Mount Hagen axes‘ herstellen. Besonders präsent ist hier die Person im Bildzentrum, die gerade das Flechtwerk des Gegenstandes anfertigt. Ob es sich in diesem Fall um Äxte handelt, die von den Herstellenden selbst benutzt wurden, oder ob es sich um explizit für den Tourismus angefertigte Stücke handelt, ist hieraus nicht zu entnehmen. Diese Frage muss auch für unser Objekt, das erst kürzlich seinen Weg ins Emslandmuseum gefunden hat, offen bleiben. Ebenfalls ist zum aktuellen Zeitpunkt nicht zu beantworten, wann und wie genau die Axt in den Besitz von Dirk Koller gelangte und so schlussendlich ihren Weg ins Museum fand.
Quellen
- Numista, 2 Kina, reduced size, https://numista.com/224564 (Zugriff: 13.03.2026).
- Porter, James, Up Mount Hagen the mountain just in time for lunch, in: Pacific Islands Monthly. News Magazine of the South Pacific 47 (1976), S. 41.
- Vellacott-Jones, Kathleen, Demonstration of Mount Hagen axe making at Mount Hagen Show, 1963. Kathleen Vellacott-Jones Collection, UQFL133, Album 1, slide 6–40.
Literatur
- Buckley, Christopher, Hafted stone and shell tools in the Asia Pacific region, Berkeley 2023.
- Burton, John, Axe makers of the Wahgi: Pre-colonial industrialists of the Papua New Guinea highlands [PhD dissertation], Canberra 1984.
- Dosedla, Heinz-Christian, Steinbeile aus dem Gebiet von Kagua im südlichen Hochlands-Distrikt (SHD) von Papua-Neuguinea, in: Tribus 24 (1974), S. 87–112.
- Moore, Mark, Hafted stone axes and adzes in New Guinea, in: Museum of Stone Tools, online unter: https://stonetoolsmuseum.com/new-research/hafted-stone-axes-and-adzes-in-new-guinea/ (Zugriff: 13.03.2026).
- Strathern, Marilyn, Axe Types and Quarries: A note on the classification of stone axe blades from the Hagen area, New Guinea, in: The Journal of the Polynesian Society 74 (1965), S. 182–191.
- Vial, Leigh Grant, Stone Axes of Mount Hagen, New Guinea, in: Oceania 11 (1940), S. 158–163.