Lingen in der „Weimarer Republik“

Lingener Geschichte im Bild (68)

Bürgermeister Gilles (Mitte) und Honoratioren der Stadt (um 1925)

Die Zeit zwischen dem Kriegsende 1918 und der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 steht im Mittelpunkt der aktuellen Folge der Geschichtsserie von Emslandmuseum und EL-Kurier. Man nennt diese Jahre auch die Zeit der „Weimarer Republik“, denn die Nationalversammlung, auf der eine neue Verfassung erarbeitet wurde, tagte 1919 in Weimar.

In den Zwanzigerjahren kam das Radio nach Lingen

Seit 1919 war Deutschland eine demokratische Republik mit parlamentarischen Gremien auf allen Ebenen. Für Frauen und Männer galt das allgemeine und gleiche Wahlrecht. Den Frauen standen nun viele Wege offen, die ihnen im Kaiserreich verwehrt waren, etwa die Abiturprüfung an einem staatlichen Gymnasium oder ein Hochschulstudium.

Die politischen und gesellschaftlichen Fortschritte der jungen Demokratie wurden jedoch überschattet von der kriegsbedingten Hyperinflation und der Wirtschaftskrise. Mitte der Zwanzigerjahre besserte sich die wirtschaftliche Situation. 1925 wurde in Lingen ein Neubau für die Reichsbank an der Burgstraße errichtet (heute Emslandmuseum) und im gleichen Jahr die Bürgermeistervilla an der Wilhelmstraße. Mit dem Anschluss an das überregionale Elektrizitätsnetz begann 1926 auch in Lingen ein neues technisches Zeitalter.

Das neue Viehmarktgelände an der Eisenbahn hinter der Kokenmühle

1928 wurde der Viehmarkt aus der Innenstadt und vom Alten Pferdemarkt zum neuen Zentralviehmarkt auf einem großen Gelände hinter der Kokenmühle verlegt. Dort war eine direkte Verladung des Viehs in Eisenbahnwaggons möglich. Damit hatte der Viehauftrieb in den Straßen und Gassen der Innenstadt ein Ende. Am Ende des Jahrzehnts wurde der Neubau einer Jugendherberge an der Jahnstraße eingeweiht (heute DRK-Gebäude). Man wertete die Eröffnung damals als Beginn einer neuen, besseren Zeit für die deutsche Jugend. Doch diese Hoffnung war trügerisch.

Einweihung der Jugendherberge an der Jahnstraße (heute DRK-Gebäude) 1929

Die stärkste politische Kraft in Stadt und Altkreis Lingen war damals die Katholische Zentrumspartei, die in der Weimarer Republik auch mehrfach die Regierung und den Reichskanzler stellte. Unter den Arbeitern des Eisenbahnwerkes zählten die Sozialdemokraten viele Anhänger. 1921 wurde der Polizeikommissar Hermann Gilles von der Zentrumspartei zum Bürgermeister gewählt. Seine Amtszeit war geprägt durch zahlreiche Krisen in Deutschland und Gilles bemühte sich, die Folgen für die Lingener Bevölkerung Lingen gering zu halten. Gemeinsam mit dem Lingener Landrat Dr. Albert Pantenburg gelang Gilles der Anschluss der Stadt an das Elektrizitätsnetz der VEW. Das Jubiläum 600 Jahre Stadtrechte 1927 musste wegen der Wirbelsturmkatastrophe auf das Folgejahr verschoben werden. Erfolglos versuchte Gilles Anfang der 30er-Jahre, den Einfluss der Nationalsozialisten in Lingen mit polizeilichen Mitteln gering zu halten. Anfang April 1933 wurde er vom neuen NSDAP-Kreisleiter Plesse abgesetzt.