Die Einnahme Lingens 1518
An einem kalten Novembertag des Jahres 1518 ereignete sich in der Stadt Lingen ein Vorfall, der an Raffinesse und Kühnheit kaum zu überbieten ist. Am 6. November näherte sich ein Mann, der als Bote des Bischofs von Münster, Herzog Erich von Sachsen-Lauenburg, ausgewiesen war, mit einem Kastenwagen dem Stadttor. Da er freies Geleit genoss und keinen Verdacht erregte, wurde ihm Einlass gewährt. Doch kaum hatte sich das Tor geöffnet, sprang bewaffnetes Fußvolk aus dem Wagen, überwältigte den Pförtner und setzte die Stadtsicherung außer Kraft. Kurz darauf erschien der münsterische Bischof selbst und weiteren gerüsteten Männern. Lingen wurde im Handstreich besetzt.

Handlungen im Streit zwischen Münster und Tecklenburg-Lingen. Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen, Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens, Abteilung Münster (Dep.), Handschriften, Nr. 329.
Für Graf Nikolaus IV. von Tecklenburg kam dieser Angriff völlig überraschend. In höchster Eile gelang ihm die Flucht – „nackt und bloßen Hauptes“, wie es in den Quellen heißt – durch das Wasser des Schlossgrabens. So entging er knapp der Gefangennahme und suchte Zuflucht bei Herzog Johann von Kleve-Jülich-Berg.
Der Überfall war jedoch keineswegs ein spontaner Akt, sondern das Ergebnis eines zunehmend angespannten Verhältnisses zwischen dem Bischof und dem Grafen. Einst hatten beide in freundschaftlichen Beziehungen gestanden. Bischof Erich hatte Nikolaus sogar aus einer schwierigen Lage befreit und ihn eine Zeit lang unterstützt – allerdings wohl nicht ohne politische Absichten. Er hoffte offenbar, den Grafen in eine gewisse Abhängigkeit zu bringen. Als Nikolaus jedoch ablehnte, münstersche Berater mit der Überprüfung und Verbesserung der Befestigungen Lingens zu betrauen, schlug das Verhältnis in Misstrauen und schließlich offene Feindschaft um. Beide Seiten warfen sich daraufhin Undankbarkeit beziehungsweise Parteilichkeit vor.
Zur Rechtfertigung seines Vorgehens führte der Bischof an, er habe Hinweise auf einen bevorstehenden Angriff auf Lingen erhalten und sei deshalb zum Handeln gezwungen gewesen. Angeblich habe die Gefahr bestanden, dass andere Mächte – mutmaßlich der Graf von Oldenburg – die Stadt an sich bringen könnten – und damit auch münsterische Interessen berührten. Denn Lingen lag zwischen dem Ober- und Niederstift Münster. Diese Argumentation erscheint jedoch vorgeschoben, denn sie tauchte im weiteren Verlauf der Auseinandersetzung nicht mehr auf. Vielmehr wird deutlich, dass strategische Überlegungen eine entscheidende Rolle spielten: Lingen besaß eben eine wichtige Lage zur Sicherung der Verbindung zwischen den münsterschen Territorien.
Der Konflikt eskalierte rasch. Herzog Johann von Kleve-Jülich-Berg protestierte scharf gegen die Besetzung und forderte die Rückgabe der Stadt. Der Bischof zeigte sich jedoch unnachgiebig und untermauerte seine Haltung mit einem umfangreichen Katalog von Beschwerden gegen Graf Nikolaus. Darin warf er dem Tecklenburger unter anderem vor, seiner Pflicht zum Schutz der Handelswege nicht nachzukommen, obwohl er hohe Zölle erhob, sowie Untertanen des Bischofs zu schikanieren. Viele dieser Vorwürfe betrafen jedoch eher geringfügige Streitigkeiten und konnten den drastischen militärischen Schritt kaum rechtfertigen.
Schließlich schalteten sich die münsterischen Landstände ein und drängten auf eine Lösung. Ohne die direkte Beteiligung des Landesherrn einigten sie sich mit den Räten des Herzogs auf die Rückgabe Lingens. Angesichts dieses Drucks sah sich Bischof Erich gezwungen nachzugeben. Am 16. November 1519, genau ein Jahr nach der Einnahme, räumte er die Stadt.
Doch auch danach wurde der Streit nicht beigelegt. Graf Nikolaus beklagte, dass ihm wertvolle Besitztümer, darunter Geld und Schmuck aus Familienbesitz, nicht zurückerstattet worden seien. Die Verhandlungen darüber blieben erfolglos, und aus Unzufriedenheit griff der Graf sogar zu eigenmächtigen Maßnahmen gegen Kaufleute. Die Auseinandersetzung zog schließlich weitere Kreise bis hin zu Kaiser Karl V., der mahnend eingriff und eine weitere Eskalation zu verhindern suchte.
Erst viele Jahre später fand der Konflikt ein endgültiges Ende. Im Jahr 1534 erkannte der münstersche Bischof Franz von Waldeck an, dem Grafen Nikolaus eine Entschädigung in Höhe von 4000 Gulden zu schulden. Trotz eigener finanzieller Belastungen wurde diese Summe im Jahr 1535 tatsächlich ausgezahlt. Die Einnahme Lingens stellt damit ein eindrucksvolles Beispiel für die konfliktreiche Territorialpolitik der frühen Neuzeit dar. Sie zeigt, wie persönliche Beziehungen, politische Interessen und strategische Überlegungen ineinandergreifen konnten – und wie ein scheinbar kleiner Vorfall zu einem langjährigen Konflikt auswuchs.