Eine Annäherung an einen merkwürdigen Speisenamen
Wer sich mit alten Gerichten aus Nordwestdeutschland beschäftigt, stößt irgendwann auf einen eigentümlichen Namen: Boukweitenjanhinnerk, Bōkwētenjanhinnerk oder, etwas handlicher, Jan-Hinnerk. Gemeint ist – jedenfalls meistens – ein Buchweizenpfannkuchen.
Aber warum sollte ein Pfannkuchen ausgerechnet Jan-Hinnerk heißen?

War Jan Hinnerk vielleicht der Erfinder des Gerichts? Ein Bauer, der besonders gern Buchweizen aß? Eine Figur aus einem Volkslied? Oder steckt hinter dem Namen eine Geschichte, die längst vergessen ist?
Die Suche führt überraschend weit zurück – und zeigt, dass die Frage vermutlich ganz anders gestellt werden muss. Erst einmal: Wo ist der Buchweizen-Jan-Hinnerk belegt?
Einen wichtigen Hinweis liefert eine sprachwissenschaftliche Untersuchung von Ulrich Scheuermann über die besondere Verwendung des niederdeutschen Vornamens Hinnerk. Hinnerk ist die niederdeutsche Form von Heinrich (Ulrich Scheuermann, Bonus Henricus. Zur Verwendung des Nomen proprium Heinrich als Nomen appellativum, in: Gedenkschrift für Heinrich Wesche, Neumünster 1979, S. 255–268).
Dort findet sich – etwas versteckt in Fußnote 51 – auch unser Buchweizengericht. Der Doppelname Janhinnerk sei, so heißt es, in zahlreichen Belegen fest mit dem niederdeutschen Bōkwēten, also „Buchweizen“, verbunden. Als Bedeutung von Boukweitenjanhinnerk wird gewöhnlich „Buchweizenpfannkuchen“ angegeben. Nachweise gibt es aus Aschendorf, Bohlenberge, dem Ammerland, Heede und Ostertimke sowie im Plattdeutschen Wörterbuch für das Oldenburger Land von Heinrich Böning.
Das ist schon eine bemerkenswert weite Streuung. Allerdings bedeutete das Wort nicht überall genau dasselbe. Aus Loga ist „dicker Brei aus Buchweizenmehl“ überliefert, aus Baden im Kreis Verden sogar „Buchweizenklöße“. Und damit wird die Sache interessant. Vielleicht suchen wir nämlich nach dem falschen Jan Hinnerk. Die naheliegende Vermutung wäre, hinter dem Namen müsse ein bestimmter Mensch namens Jan Hinnerk stehen. Doch verhält es sich genau anders herum: Jan, Hinnerk und Jan-Hinnerk waren so gewöhnliche Namen, dass sie ihre Funktion als individuelle Personennamen teilweise verlieren konnten.
Das klingt zunächst seltsam, ist sprachgeschichtlich aber keineswegs ungewöhnlich. Aus einem häufigen Namen kann eine allgemeine Bezeichnung werden. Der Sprachwissenschaftler Wilhelm Wackernagel beschrieb bereits im 19. Jahrhundert, wie besonders gebräuchliche Eigennamen gewissermaßen „halb appellativ“ werden können: Der konkrete Mensch hinter dem Namen verblasst, und der Name wird schließlich zur Bezeichnung einer ganzen Gruppe oder sogar einer Sache.
Bei Hans und Grete lässt sich das besonders schön beobachten. Sie konnten zu allgemeinen Bezeichnungen für Bauernburschen, Knechte, Mägde oder bäuerliche Menschen werden. Der Eigenname funktioniert dann beinahe wie ein normales Substantiv.
Bei Heinrich beziehungsweise Hinnerk geschah etwas Ähnliches. Heinrich gehörte über Jahrhunderte zu den verbreitetsten männlichen Namen. Der Beitrag verweist darauf, dass seine Popularität unter anderem mit den deutschen Königen und Kaisern dieses Namens zusammenhängen dürfte. Gerade in Norddeutschland sei Heinrich ein besonders verbreiteter Name gewesen. Seine Kurzform Hinz lebt bis heute in der Redewendung „Hinz und Kunz“ weiter – also: jeder Beliebige, jedermann.
Schon mittelalterliche Rechtsformeln verwendeten Heintze oder Kuntzen gewissermaßen als Platzhalternamen. Der Grund war gerade ihre Alltäglichkeit: Man wählte Namen, die im Volk so geläufig waren, dass sie stellvertretend für jeden anderen Menschen stehen konnten.
Im niederdeutschen Raum begegnet uns dasselbe Paar in anderer Gestalt: Hinnerk und Jan. Ein emsländisches Sprichwort bringt ihre Popularität wunderbar auf den Punkt: „Hinnerk un Jann hett däi mäiste Mann“ – Hinnerk und Jan heißen die meisten Männer.
Beide Namen waren also geradezu Musterbeispiele für den gewöhnlichen männlichen Vornamen. Und auch der Doppelname Janhinnerk war lange als bäuerlicher Personenname beliebt. Und auch das Lied von Janhinnerk, der in der Lammer-Lammerstraat wohnt, legt hiervon Zeugnis ab.
Vielleicht heißt der Buchweizenpfannkuchen also gar nicht nach einem bestimmten Jan Hinnerk. Vielleicht heißt er Jan-Hinnerk, weil Jan Hinnerk eben jeder sein konnte.
Dass ein Personenname schließlich sogar eine Speise bezeichnen kann, erscheint weniger ungewöhnlich, sobald man sieht, was die niederdeutsche Sprache sonst noch mit Hinnerk so anstellte. Da gab es beispielsweise den „hölten Hinnerk“, einen unbeholfenen Menschen, und den „isern Hinnerk“, einen kerngesunden Menschen. Es gab Damelhinnerk, Prämelhinnrick, Proothinnerk, Prökelhinnerk, Quasselhinnerk, Rappelhinnerk und Stöhnhinnerk – meist wenig schmeichelhafte Bezeichnungen für Menschen mit bestimmten Eigenschaften.
Doch Hinnerk blieb nicht beim Menschen. Pflanzen konnten blauer Hinnerk, gröner Hinnerk, roder Hinnerk, isern Hinnerk, stolter Hinnerk oder stinken Hinnerk heißen. Hinter diesen Namen verbargen sich je nach Landschaft Wegerich, Ampfer, Kreuzkraut, Rainfarn und andere Pflanzen. Sogar der Zaunkönig wurde zum Hinnerk. In einem Gebiet östlich der Unterweser finden sich Namen wie Tunhinnerk oder Hinnerk in’n Tun. Und in Wallhöfen hieß der Zaunkönig tatsächlich Jahn-Hinnerk.
Besonders aufschlussreich wird es schließlich bei den Dingen und Speisen. Für eine dünne, wässerige Suppe ist aus verschiedenen niedersächsischen Mundarten die Bezeichnung blauer Hinnerk überliefert. Das „blau“ bezog sich offenbar auf die bläuliche Erscheinung von Magermilch oder Molke. An anderer Stelle konnte blauer Heinrich sogar dünnen Kaffee bezeichnen. Speisen und Getränke waren offenbar ein besonders produktiver Bereich für solche Bildungen mit Personennamen. Gerade weil Essen im Alltag eine so große Rolle spielte, gab es dem Volksmund reichlich Anlass zu entsprechenden Bezeichnungen.
Also: Warum heißt der Buchweizenpfannkuchen Jan-Hinnerk?
Eine endgültige Antwort im Sinne von „Am 17. Mai 1742 erfand Jan Hinnerk Meyer diesen Pfannkuchen“ gibt die Quelle nicht. Die sprachhistorischen Befunde sprechen vielmehr dafür, dass wir gar nicht nach einer konkreten Person suchen sollten. Hinnerk, Jan und schließlich Jan-Hinnerk waren im niederdeutschen Sprachraum extrem verbreitete Männernamen. Dadurch konnten sie zu typisierten Namen werden: zu Bezeichnungen für „einen Mann“, „einen Kerl“, „so einen“, schließlich aber auch für Tiere, Pflanzen und Dinge. Heinrich/Hinnerk eignete sich gerade wegen seiner früheren großen Beliebtheit und weiten Verbreitung besonders für solche Bildungen.
Der Bōkwētenjanhinnerk ist demnach ein besonders schönes Beispiel dafür, wie der Volksmund aus einem Allerweltsnamen einen Speisenamen machte.
Warum aber gerade Jan-Hinnerk und nicht nur Hinnerk, Jan oder ein anderer Name?
Scheuermann verweist darauf, dass bei der Entstehung solcher Verbindungen vermutlich auch „euphonische Rücksichten“ eine Rolle spielten – also schlicht die Frage, welche Wortverbindungen gut klangen und sich deshalb leichter durchsetzten. Und Bōkwēten-Janhinnerk hat zweifellos Rhythmus.
Hinnerk konnte ein Mensch sein. Eine Pflanze. Ein Vogel. Eine dünne Suppe. Und zusammen mit Jan schließlich eine Buchweizenspeise.
Vielleicht ist das deshalb die schönste Antwort auf die Frage, wer jener Jan Hinnerk gewesen sei, nach dem der Buchweizenpfannkuchen benannt wurde:
Vermutlich keiner. Oder genauer: so ziemlich jeder.