Vom Kriegsende 1945 bis zur Währungsreform 1948

Mit dem Durchzug der Front im April 1945 übernahm das Britische Militär die Verwaltung von Stadt und Landkreis Lingen. Die Kapitulation am 8. Mai beendete das Nazi-Regime und Deutschland wurde in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Eine Zeit der Ungewissheit und der Mangelwirtschaft begann nun auch in Lingen und dem Emsland.

Die Kriegswirtschaft in Deutschland, die auf der Ausbeutung besetzter Länder sowie dem Einsatz von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen basiert hatte, brach mit dem Kriegsende zusammen. Not und Mangel beherrschten den Alltag im zerstörten Europa, besonders aber in Deutschland, dem Auslöser des Unheils, das nun Reparationszahlungen an die Siegermächte leisten musste.

Alle Nazi-Funktionäre wurden abgesetzt und inhaftiert. An ihre Stelle setzte die Militärverwaltung vertrauenswürdige Deutsche ein, die nach den Anweisungen der Engländer für Recht und Ordnung, Versorgung und Verwaltung zuständig waren. Neuer Bürgermeister in Lingen wurde der Kaufmann Clemens Brackmann. Eine schwierige Aufgabe in Zeiten der Not.

Für die befreiten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter aus vielen europäischen Ländern richtete die Vereinten Nationen in den Lingener Kasernen ein Auffang- und Durchgangslager ein. Auch die deutschen Kriegsgefangenen durften allmählich in ihre Heimat zurückkehren.

Tausende von Flüchtlingen aus Pommern und Ostpreußen wurden im Emsland verteilt und 1946 folgen ihnen noch tausende Vertriebene aus Schlesien. Alle mussten untergebracht, versorgt und integriert werden.

Die Rationen für Nahrungsmittel und Brennstoffe wurden immer knapper – im Winter kam es zu Hungertoten. Der Schmuggel und der Schwarzmarkt blühten auf. Die deutsche Polizei war nur schwach ausgerüstet und durfte keine Schusswaffen tragen. Viele Führungskräfte hatten die Briten abgesetzt. Dies war die Stunde der Schieber und der Kriminellen.

Der Wert der Reichsmark war rasch verfallen und überall dominierte der Tauschhandel. Auch im gewerblichen Bereich wurde er als sogenannter „Kompensationshandel“ zur Grundlage des wirtschaftlichen Wiederaufbaus.

Hungernde aus den Großstädten fuhren mit den Eisenbahnen auf das Land, um Wertsachen gegen Lebensmittel einzutauschen. Nur auf diese Weise war es für die Menschen aus den großen Städten möglich, ihre kargen Rationen etwas aufzubessern. Manche Bauern nutzten dies aus und bald machte das böse Wort vom „Perserteppich im Kuhstall“ die Runde. Wer nichts zum Tauschen besaß, musste an den Haustüren um ein Stück Brot oder ein paar Kartoffeln betteln.

Im Frühjahr 1946 überschwemmte dann auch noch ein Jahrhunderthochwasser der Ems weite Teile des Emslandes mit den Städten Rheine, Lingen, Meppen und Haren.

Die wenigen Vorräte an Kohlen und Lebensmitteln in den Kellern wurden von den Fluten unbrauchbar oder vernichtet.


Mit den Gemeindewahlen und Kreistagswahlen startete 1946 der Neubeginn von Demokratie und Selbstverwaltung. Das Land Niedersachsen wurde gebildet und ein Landtag gewählt.


Die Briten, Amerikaner und Franzosen schlossen ihre Besatzungszonen zusammen und daraus entstand 1949 die Bundesrepublik Deutschland.

Den wirtschaftlichen Wendepunkt brachte 1948 die Währungsreform. Die Produktion und der Wirtschaftskreislauf kamen wieder in Gang. Aufgrund der Erdölfunde im Emsland verlegt die „Deutsche Schachtbau“ ihren Sitz von Salzgitter nach Lingen und errichtete an der Waldstraße neue Werksanlagen. Bald drauf begann der Bau der Erdölraffinerie in Holthaus. So entstanden in Lingen wichtige neue Arbeitsplätze und die Stadt wurde ein Musterbeispiel für das „Wirtschaftswunder“ der Nachkriegszeit.


