Ausgrabung erbrachte sensationelle Erkenntnisse für die Vergangenheit unserer Stadt
Von Lukas Dziubek
Bundesfreiwilligendienstler am Emslandmuseum Lingen
Eigentlich wollte ich nur mal schauen, wie der Arbeitsalltag in der Lingener Stadtarchäologie abläuft. Dass ich dann aber direkt an der Ausgrabung einer sensationellen Entdeckung beteiligt war, hätte ich mir nicht träumen lassen…

Den Lingener Stadtarchäologen Dr. Dieter Lammers kenne ich bereits aus der guten Zusammenarbeit mit dem Emslandmuseum in Lingen, an dem ich seit September 2025 meinen Freiwilligendienst leiste. Daher interessiere ich mich auch dafür, woher manches Fundstück in der Ausstellung des Museums eigentlich stammt. Als sich die Gelegenheit ergab, Dieter Lammers auf eine Ausgrabung zu begleiten, war ich natürlich sofort Feuer und Flamme. Das Museum stellte mich dafür ein paar Tage frei. Unser Weg führte den erfahrenen Archäologen und mich in den Lingener Ortsteil Altenlingen. Eine spannende Reise in die Vergangenheit, die sowohl mit Muskelkater als auch Geduld und Fingerspitzengefühl verbunden war…

Die Ausgrabung begann, wie es in der Archäologie so üblich ist, mit dem schichtweisen Abtragen des Bodens. Dabei wurde so lange gearbeitet, bis der gewachsene, natürliche Sand unterhalb des Ackerbodens erreicht war. Erst hier endet der von Menschen beeinflusste Bereich – und genau dort werden dann die entscheidenden Spuren sichtbar.
Schon während dieser Arbeiten zeigten sich erste Hinweise auf eine frühere Besiedlung: Verfärbungen im Boden, die sich deutlich vom umliegenden Sand abhoben. Diese sogenannten Befunde wirken auf den ersten Blick unscheinbar, erzählen aber eine aufschlussreiche Geschichte. In unserem Fall handelte es sich dabei unter anderem um die Reste alter Holzpfosten von Wohnhäusern. Das Holz selbst ist längst vergangen, doch im Boden haben sich dunklere Spuren erhalten – gewissermaßen die „Schatten“ ehemaliger Gebäude.
Nachdem die Fläche vollständig freigelegt war, begann die präzise Feinarbeit. Die Funde, also die materiellen Überreste wie Scherben, Metallobjekte oder Knochen, sowie Befunde, also die Verfärbungen im Boden, wurden vorsichtig freigelegt, gereinigt, vermessen und dokumentiert. Besonders eindrucksvoll war das Anlegen von Profilen: Dabei werden die Befunde angeschnitten, sodass ihr innerer Aufbau sichtbar wird. Auch hier zeigte sich, wie sorgfältig jeder Schritt durchgeführt werden muss, um möglichst viele Informationen zu bewahren.
Neben den Strukturen im Boden konnten wir auch zahlreiche Funde bergen. Darunter befanden sich Tierknochen sowie Keramikscherben, die sich zeitlich vom 6. bis ins 11. Jahrhundert einordnen lassen. Diese Funde geben wertvolle Hinweise auf das Leben der Menschen, die hier einst lebten.

Besonders spannend ist Geschichte hinter dieser Ausgrabung: Im Jahr 2025 feierte Lingen das Jubiläum der ersten Nennung des Ortsnamens vor 1050 Jahren – basierend auf einer Urkunde aus dem Jahr 975. In dieser wird ein sogenannter Herrenhof namens „Liinga“ erwähnt – die Keimzelle unserer heutigen Stadt Lingen. Die aktuellen Ausgrabungen in Altenlingen deuten darauf hin, dass genau an dieser Stelle der genannte Hof gelegen haben könnte und dass er nicht erst 975 existiert hat, sondern bereits lange vorher vorhanden war.
Damit werden die Funde zu weit mehr als einzelnen Objekten: Sie sind Teil eines größeren Puzzles, das uns hilft, die Anfänge Lingens besser zu verstehen. Die unscheinbaren Verfärbungen im Boden, die Keramikscherben und selbst die Tierknochen erzählen gemeinsam die Geschichte eines Ortes, an dem Menschen über Jahrhunderte hinweg lebten, arbeiteten und ihre Spuren hinterließen. Die Ausgrabung hat mir eindrucksvoll gezeigt, dass Geschichte nicht nur in Büchern existiert – sie liegt direkt unter unseren Füßen. Man muss nur genau hinsehen…