Schädlingsbekämpfung in der Grafschaft Lingen
Von Sebastian Schröder
In der zweiten Hälfte des Jahres 1749 reiste der preußische Beamte Ernst Albrecht Friedrich Culemann (1711-1756) in die Grafschaft Lingen. Culemann war Kriegs- und Domänenrat bei der Kriegs- und Domänenkammer Minden und bei dieser preußischen Verwaltungsbehörde unter anderem zuständig für das Lingener Land. Im Zuge seiner Reise interessierte er sich unter anderem für die Art und Weise, wie die lokale Bevölkerung Landwirtschaft betrieb. Beispielsweise untersuchte er, welches Getreide auf den Feldern gedieh und welches Vieh die Bauern hielten. Und er schaute genau hin, wie folgende Begebenheit beweist.

Als der Mindener Kriegs- und Domänenrat Anfang September 1749 in der Grafschaft Lingen ankam, waren die Menschen gerade damit beschäftigt, die Bestellung des Wintergetreides vorzubereiten. Passend dazu setzte Regenwetter ein, sodass der Boden genügend Feuchtigkeit aufwies. Zuvor hatte nämlich eine ungewöhnliche Trockenheit geherrscht. In gewisser Hinsicht erwies sich das sogar von Vorteil: Denn somit konnten in den gemeinen Markengründen verhältnismäßig gut Plaggen oder Grassoden gestochen werden, die zur Düngung der Äcker dienten; bei einer nasseren Witterung gestaltete sich dieser Prozess als deutlich schwieriger. Culemann hegte angesichts dieser äußeren Bedingungen keinen „Zweiffel, daß die Winter-Saat gut gerathen werde“.
Sollte sich diese Annahme bewahrheiten? Da sich der preußische Beamte mehrere Monate in der Grafschaft Lingen aufhielt, konnte er sich vom Gedeihen der Aussaat selbst überzeugen. Zunächst lief das Getreide tatsächlich gut auf, sodass „die treflichste Hoffnung zur Erndte gegeben“ schien. Doch dann beobachtete Culemann auf vielen Feldern kahle Stellen. Eine Erklärung hatte er für dieses Phänomen nicht, sodass er einige Untertanen befragte. Die kontaktierten Bauern erzählten, dass Ähnliches bereits im vergangenen Jahr und vor 25 Jahren hätte beobachtet werden können. Der Grund sei leicht ersichtlich: „Eine große Menge weißer Würmer“ fresse „die Wurtzeln ab […], so daß das Laub verdorren muß.“ Ernteeinbußen bis zu einem Drittel der sonstigen Erträge beklagten die Landleute. Ein Mittel gegen die Schädlinge kannte gleichwohl niemand.

Andernorts in der Grafschaft Lingen hakte Culemann nach: „Nachdem ich aber mit andern verständigen Wirthen gesprochen, haben sie mir versichert, daß dieselbe Würmer sich vor länger als 30 Jahren hier nur spüren und eigendlich nur im Frühjahr und im späten Herbst auf dem besaameten Acker kriechend von allerhand Farbe erfinden ließen, sonsten aber Flügel hätten und flögen, mithin die Rocken Aehren ausfrässen, auch unbeschreiblichen Schaden thäten, gestalten dann viele Unterthanen sehr gelitten. Es wäre ihnen aber einigermaßen dadurch zu begegnen, daß der bey dem mit Rocken besaameten Lande befindliche Acker, welcher zur Sommer-Saat liegen bleibt, und hier zu Lande nicht im Herbst, sondern im Früh-Jahr allererst umgebrochen wird, umgepflüget werde, und zwar um des willen, weil in diesem ungebrochenen oder nicht gepflügten Acker die Würmer des Tages ihres Aufenthalt haben, und sich nur des Nachts in dem besaameten Acker verfügen und der iungen Saat Schaden thun, mithin in ienem nicht recht fortkommen, sondern darin bleiben, und bey dem entstehenden Regen-Wetter oder Frost bleiben und crepiren müßen.“
Das bedeutete also, man müsse abgeerntete Äcker, die mit Sommergetreide bestellt werden sollten, schon im Herbst pflügen, um die Schädlinge in Schach zu halten. Durch diese Methode könne außerdem die Schneckenpopulation eingeschränkt werden. Die Lingener Landwirte begegneten den Schädlingen – deren genaue Gattung übrigens nicht erwähnt wird –, indem sie die abgeernteten Felder schon im Herbst pflügten. Denn dann fänden die Raupen, die sich später zu Schmetterlingen entwickelten, im Winter keinen Schutz mehr und verendeten im umgebrochenen Erdboden.
Insektizide oder chemische Mittel zur Bekämpfung von Schädlingen existierten seinerzeit noch nicht – aber Strategien zum Schutz ihrer Ernte hatte die Bauern dennoch entwickelt.