Das Kloster Frenswegen im Zeitalter von Reformation und Achtzigjährigem Krieg
Wer heute das Kloster Frenswegen besucht, betritt einen Ort der Ruhe, der Besinnung, Bildung und Begegnung sowie des konfessionellen Miteinanders. Im 16. und 17. Jahrhundert war davon allerdings wenig zu spüren. Reformation und Konfessionsbildung, aber auch Krieg und politisches Machtgebaren prägten diese Zeit, die die bisherige Welt grundlegend verändern sollte.

Das 1394 unter gräflicher Mitwirkung gegründete Kloster lag in der Grafschaft Bentheim, nordwestlich der Stadt Nordheim. Als das Bentheimer Grafenhaus 1544 mit dem größten Teil seiner Untertanen zur lutherischen Lehre übertrat, geriet Frenswegen in eine isolierte Lage. Katholisch blieben in der Grafschaft vor allem die Klöster Wietmarschen, Frenswegen und Schüttorf, einige zum münsterischen Kirchspiel Emsbüren gehörige Bauerschaften sowie einzelne Adelige.
Die Reformation bedeutete für die Frensweger Augustiner Chorherren jedoch nicht die sofortige Aufhebung. Vielmehr begann ein jahrzehntelanges Ringen um Personal, Besitz und Rechtsstellung. Schon die Priorwahl von 1548 war nur mit Mühe möglich, obwohl das Grafenhaus dem Konvent ursprünglich die freie Wahl zugesichert hatte. 1560 untersagte die gräfliche Regierung die Aufnahme von Novizen. Visitatoren aus Windesheim und Zwolle versuchten vergeblich, den damaligen Grafen Everwin (1536–1562) zur Rücknahme zu bewegen. Selbst ein Schreiben Margarethes von Parma, der Statthalterin der Niederlande, blieb ohne Wirkung. Da der Konvent damals nur noch sieben Professen zählte, liegt die Vermutung nahe, dass das Grafenhaus auf ein Aussterben der Gemeinschaft setzte.
Dabei wäre es zu einfach, den Niedergang allein als Folge konfessioneller Unterdrückung zu erklären. Das Kloster litt ebenso unter ausbleibenden Stiftungen, eigener struktureller Schwäche und wachsender Verschuldung. Finanzielle Forderungen der Landesherrschaft verschärften die Lage. 1573 hieß es in einem Zustandsbericht, Frenswegen sei mit mehr als 11.000 Talern verschuldet; weitere Belastungen durch Zinsen, Soldaten und andere Kosten könnten den verbliebenen Besitz vollständig aufzehren. Die Quelle zeichnet ein dramatisches Bild, doch sie war zugleich Teil der Krisenkommunikation innerhalb des Ordens und sollte Hilfe mobilisieren.
Hinzu kamen die Folgen des niederländischen Aufstands und der Kriege im Grenzgebiet, die als Achtzigjähriger Krieg in die Geschichte eingegangen sind. Spanische, niederländische, brandenburgische, kaiserliche und später schwedische Truppen bewegten sich durch die Region. Ein unbefestigtes Kloster vor den Toren Nordhorns war Plünderungen nahezu schutzlos ausgeliefert. Deshalb erwarb der Konvent 1578 vom jungen Grafen Arnold von Bentheim (1554–1606) die sogenannte Burg in Nordhorn und zog in die Stadt. In Frenswegen blieben nur einige Knechte und Mägde zurück. Für Nordhorn war dies ein bemerkenswerter Vorgang: Eine katholische Ordensgemeinschaft verlegte ihren Lebensmittelpunkt in eine Stadt, deren politisches und kirchliches Umfeld zunehmend protestantisch geprägt war.
Der Umzug war von gegenseitigem Misstrauen begleitet. Graf Arnold könnte gehofft haben, auf diese Weise leichter auf die Klostergüter zugreifen zu können. Als sich die notwendigen Umbauten in Nordhorn verzögerten, griff er gewaltsam ein, störte eine Messe und forderte eine 1509 gestiftete Monstranz zurück. Bis 1579 bezifferte der Konvent seine Kriegsschäden auf 8.225 Reichstaler, für die folgenden Jahre auf mehr als 10.000. Solche Angaben sind nicht in jedem Detail überprüfbar, zeigen aber die Größenordnung der Belastung.
Um 1600 schien Frenswegen tatsächlich vor dem Ende zu stehen. 1607 traf der Ordensobere in Nordhorn nur den Prior und einen einzigen Mitbruder an. Die Bindungen an das Windesheimer Generalkapitel hatten sich gelockert; Umlagen wurden nicht bezahlt, Kapitelbesuche versäumt. Als Prior Johann Fabritius 1611 starb, blieb im Wesentlichen der Prokurator Franz Deiterman zurück.

Deiterman war formal Angehöriger des Ordens, hatte sich aber weit von der katholischen Lebensweise entfernt. Er las keine Messe mehr, besuchte protestantische Predigten und stand in engem Kontakt mit der gräflichen Verwaltung. Zugleich blieb er aber für die Ordenskongregation unverzichtbar, weil seine bloße Anwesenheit das völlige Erlöschen des Konvents verhinderte. Der Chronist Karl von Cooth vermutete später sogar, gerade Deitermans religiöse und politische Zwischenstellung habe das Kloster gerettet: Ein entschieden katholischer Prokurator wäre womöglich abgesetzt und das Kloster aufgelöst worden; ein halb angepasster Verwalter ließ das Grafenhaus dagegen auf ein baldiges, scheinbar rechtmäßiges Aussterben hoffen.
Die Quellen beschreiben Deiterman je nach Interessenlage als Verräter, Werkzeug oder nützlichen Übergangsmann. Sicher ist: 1611 ließ die Ordenskongregation Johannes de Prince nach Nordhorn entsenden. Die gräfliche Regierung wies ihn jedoch aus. Zugleich entwickelten gräfliche Räte einen Plan, Deiterman als Administrator zu bestätigen und so „nach und nach“ Besitz und Verwaltung des Klosters unter landesherrliche Kontrolle zu bringen. In einem Gutachten war davon die Rede, der Verwalter solle „paulatim possessionem captiere“, also schrittweise Besitz ergreifen.
Der Krieg verschärfte die Lage. 1614 plünderten zunächst brandenburgische, dann niederländische Kompanien das Kloster. Eine Visitation von 1622 fand die Gebäude in Frenswegen weitgehend verfallen, die Altäre zerstört und Schulden von 3.580 Talern vor. Dennoch kam es zu einer überraschenden Wende. Unter dem Schutz einer kaiserlichen Besatzung traf 1623 der katholische Kanoniker Johann Wasser ein. Nun wurde wieder öffentlich Messe gefeiert. Selbst Deiterman musste dafür sorgen, dass katholische Gottesdienste stattfanden, damit die kaiserlichen Soldaten keinen Anlass zum Eingreifen erhielten.
Gerade diese kurze Phase wurde später rechtlich entscheidend. Der Westfälische Friede legte für zahlreiche konfessionelle Besitzfragen den Zustand des sogenannten Normaljahres 1624 zugrunde. Deshalb war von großer Bedeutung, ob Frenswegen damals als katholische Einrichtung bestanden hatte. Für die katholische Seite sprachen nicht nur Wassers Anwesenheit und die Messfeiern, sondern auch Bestattungen nach katholischem Ritus auf dem Klosterfriedhof in den Jahren 1622 und 1624. Das Grafenhaus hielt dagegen, dass Deiterman evangelisch gewesen sei und ein regulärer katholischer Konvent nicht bestanden habe.

Der Konflikt eskalierte 1626. Der energische Prior Quirinus Steghman sollte Frenswegen visitieren, Deiterman ablösen und die Gemeinschaft neu ordnen. Graf Arnold Jost von Bentheim (1580–1643) beanspruchte jedoch die landesherrliche Oberhoheit. In einer scharf geführten Unterredung soll er erklärt haben, er sei „König und Papst“ in seinem Gebiet wie der englische König in seinem Reich. Der Satz ist in der Überlieferung polemisch zugespitzt, bringt aber den Kern des Streits auf den Punkt: Der Graf sah das Kloster als seiner Territorialgewalt unterworfen; der Orden beharrte auf seinen überregionalen Rechten und auf der inneren Autonomie.
Steghman setzte sich schließlich mit Hilfe kaiserlicher Truppen durch. Nach Deitermans Tod im Januar 1628 rangen jedoch weiterhin gräfliche und ordensinterne Parteien um die Verwaltung. Der Kanoniker Johann Wasser wurde zeitweise zum gräflichen Administrator gemacht. Erst am 19. Dezember 1628 nahm das klösterliche Leben in der Nordhorner Behausung wieder geregelte Formen an. In einer kleinen, durch ein Gitter abgetrennten Kapelle wurden Gottesdienste gehalten, die seit Jahrzehnten nicht mehr getragenen Ordensgewänder wieder angelegt, Tagzeiten und tägliche Messe eingeführt.
Die Wiederbelebung blieb prekär. Steghman reiste 1631 im Auftrag des Ordens nach Wien, um verlorene Klöster zurückzufordern. Seine gefahrvolle Reise führte erst 1632 zurück nach Nordhorn. Kurz darauf plünderten schwedische Truppen die Stadt; Kanoniker wurden gefangen genommen und mit hohen Lösegeldern belegt. Weitere Überfälle folgten. Die Pest von 1635/36 zwang den Konvent zeitweise zurück in die verfallenen Gebäude von Frenswegen. Dort starben im April 1636 Steghman und der Subprior Wilhelm von der Straten.
Unter Prior Hermann Raymundi stabilisierte sich das Verhältnis zum Grafenhaus zeitweise. Der Graf nutzte den Prior sogar als Vermittler gegenüber katholischen Truppen. Ein kaiserliches Protektorat von 1636 stärkte die Stellung des Klosters. In der Nordhorner Unterkunft entstand eine kleine Kapelle; Mauern und Tore wurden instand gesetzt.
Mit dem Westfälischen Frieden von 1648 begann die letzte große Auseinandersetzung dieser Epoche. Graf Ernst Wilhelm von Bentheim (1623–1693) forderte, Kloster und Burg zu räumen. Er berief sich auf den Normalzustand vom 1. Januar 1624 und argumentierte, damals habe in Frenswegen seit Jahrzehnten kein katholischer Gottesdienst mehr bestanden. Deiterman sei ein evangelisch-reformierter Prokurator gewesen, die späteren Kanoniker seien erst unter dem Schutz kaiserlicher Truppen eingedrungen. Der Prior widersprach und rief den Erzbischof von Köln sowie die kaiserliche Gesandtschaft an.
Da Verbote und Gegenproteste keine Entscheidung brachten, wurde 1649 eine kaiserliche Kommission tätig. Ihre Untersuchung erkannte an, dass Deiterman persönlich dem Protestantismus zugeneigt gewesen war. Entscheidend war jedoch, dass seit 1623 mit Johann Wasser ein katholischer Kanoniker zur Gemeinschaft gehört und katholische Religionsausübung stattgefunden hatte. Damit befand sich der Orden nach Auffassung der Kommission 1624 im Besitzstand. Die Versuche des Grafen, diese Entscheidung anzufechten, blieben erfolglos.
Die Visitation von 1651 zeigt dennoch keinen triumphalen Neuanfang. Neben dem Prior lebten nur zwei Kanoniker in der Gemeinschaft; die Schulden betrugen weiterhin 1.400 Reichstaler. Außerhalb der Residenz durften die Geistlichen ihre vorgeschriebene Kleidung nicht offen tragen. In der Stadt kleideten sie sich in „vestes unius formae et coloris“, also in einheitliche und unauffällige Gewänder. Erst allmählich ließ sich der Konvent verstärken.
Im Fürstbischof von Münster, Christoph Bernhard von Galen (1606–1678), erwuchs dem Kloster ein einflussreicher Förderer. In seinem Rombericht von 1653 bezeichnete der Bischof Frenswegen als katholischen Stützpunkt in einer „häretischen Umgebung“.

Die Geschichte Frenswegens zwischen Reformation und Westfälischem Frieden lässt sich daher nicht auf Sieg oder Niederlage reduzieren. Das Kloster überlebte nicht durch ungebrochene Stärke, sondern durch eine Mischung aus Beharrlichkeit, rechtlichen Ansprüchen, äußerer Unterstützung, persönlicher Anpassung und historischen Zufällen. Das Grafenhaus wiederum handelte nicht nur aus Glaubenseifer, sondern auch aus dem frühneuzeitlichen Bestreben, Herrschaft, Finanzen und Kirchenwesen im eigenen Territorium zu ordnen.
